Natürlich ist Leistungssport niemals "reine Kopfsache", wie die Gurus des mentalen Trainings es predigen, natürlich kann auch die beste Konzentration gegen eine stärkere Physis und überlegene Fertigkeiten nur selten etwas ausrichten. Aber es gibt Momente im Sport, in denen das Können der Kontrahenten annähernd gleich ist, und die Psyche über Sieg oder Niederlage entscheiden muss.

Ein solcher Augenblick kam am Montag vergangener Woche während der Endphase des vierten Spiels zwischen den Oklahoma Thunder und den Dallas Mavericks in der Halbfinal-Serie um die US-Basketball-Meisterschaft.

Es war das Entscheidungsspiel dieser Serie, auch wenn dem Gewinner noch mindestens ein Sieg fehlen würde, um ins Finale vorzudringen: Dallas lag mit zwei Spielen zu einem in Führung, die Partie fand in Oklahoma City statt. Würde Dallas gewinnen, wäre es ein Leichtes für die Texaner gewesen, mit einem Heimsieg am Mittwoch das Best-of-Seven-Duell zu ihren Gunsten zu Ende zu bringen.

Fünf Minuten vor Abpfiff sah es nicht danach aus, als würde Dallas dieser wichtige Auswärtssieg gelingen, Oklahoma war mit 15 Punkten Vorsprung davongezogen. Es wäre verführerisch für Dallas gewesen, sich in die Niederlage zu fügen, das Spiel aufzugeben und sich auf eine Verlängerung der Serie um mindestens zwei Spiele einzulassen. Dirk Nowitzki, der Kapitän der Mavericks, ließ das nicht zu. Nowitzki meldete eine Auszeit an, steckte mit seinen Jungs die Köpfe zusammen und bläute ihnen ein: "Hört zu, das hier ist unser Spiel, das ist unser Moment. Wir müssen uns dieses Ding holen."

Es war kein Motivations-Blabla, das der gebürtige Würzburger da von sich gab. Nowitzki redete so sehr sich selbst ins Gewissen, wie den anderen Vier. Die Mavericks holten in den folgenden Minuten 17 Punkte, 12 davon warf Nowitzki. Nur Sekunden vor Abpfiff zog er ein Foul auf sich und versenkte mit eisernen Nerven zischend zwei Freiwürfe hintereinander im Netz, um das Unentschieden und die Verlängerung zu erzwingen, in der Dallas Oklahoma City schließlich mit 112 zu 105 in die Knie zwang. Am Mittwochabend in Dallas brachten sie die Arbeit dann zu Ende und gaben Oklahoma mit einem 100 zu 96 Sieg den Rest.

So agiert im Mannschaftssport ein echter Leader. Nowitzki, der in seiner 13. Saison in der NBA, der härtesten und stärksten Basketball-Liga der Welt, spielt, füllt in diesem Jahr diese Rolle voll und ganz aus. Er nimmt im entscheidenden Moment entschlossen das Heft in die Hand und dreht, wenn es sein muss, im Alleingang eine Partie um. Nowitzki ist mit 32 Jahren zur Führungspersönlichkeit gereift, und vor allem deshalb traut man dem einstigen "German Wunderkind" zu, mit den Mavericks endlich den Gipfel seines Sports zu erklimmen und den lange ersehnten Titel zu holen.