ZEIT ONLINE: Ein Beispiel?

Littmann: Ich werde jetzt nichts Konkretes oder Namen nennen. Aber weil dieses Geschäft ein rein spekulatives, von Irrationalitäten geprägtes ist, sitzt man oft Menschen gegenüber, die einem alles von der rosigsten Seite schildern. Das wollen sie dir dann zum höchstmöglichen Preis verkaufen.

ZEIT ONLINE: Können Sie das ein wenig genauer beschreiben?

Littmann: Zu Beginn der Transferperiode erhalten die Vereine mittlerweile aus ganz Europa, also auch aus Lettland oder Estland, Angebote von Spielerberatern. Das sind alles überragende Fußballer, mindestens Nationalspieler. Wenn diese mehr als hundert Angebote stimmen würden, könnte sich jeder Verein innerhalb von wenigen Stunden ein komplettes Dream-Team zusammenstellen. Was dort betrieben wird, die Fußballer-Verkäufe, sind nichts anderes als moderner Menschenhandel. Das ist Dealerei mit allen möglichen Tricks.

ZEIT ONLINE: Wie viel verdienen diese Berater?

Littmann: Es gibt häufig Einmalzahlungen, die bei Vertragsunterzeichnung fällig werden. In der Regel bekommt der Berater um die 15 Prozent des Jahresgehaltes des Spielers. Der Berater kann auch direkt an der Ablösesumme beteiligt sein. Das ist Verhandlungssache.

ZEIT ONLINE: Laut Fifa-Regel darf ein Berater maximal drei Prozent des Jahresgehaltes des Spielers bekommen.

Littmann: Das ist eine schöne Regel. Ich möchte mal wissen, wer die einhält.

ZEIT ONLINE: Müssen sich die Vereine auf dubiose Berater einlassen?

Littmann: Das Interesse des Vereins gilt ja dem Spieler, nicht dem Berater. Aber der Club muss mit dem Berater verhandeln, den der Spieler mitbringt. Das sind häufig auch Familienangehörige, wenn auch nicht in offizieller Funktion. Ich habe Situationen erlebt, in denen der Berater von einem Transfer abgeraten hat. Aber weil der Vater auf einen Wechsel bestanden hat, ist der Sohn dem Willen seines Vaters gefolgt.

ZEIT ONLINE: Es heißt, auch einige Fußballtrainer verdienten manchmal an Transfers. Wenn der Coach von einem Verein zum nächsten wechselt, nimmt er einige Spieler mit und kassiert dafür unter der Hand etwas von der Wechselprämie.

Littmann: Natürlich wird jeder Trainer sagen, dass er sich an so einer Praxis nicht beteiligt. Nichtsdestotrotz kann man davon ausgehen, dass so etwas passiert. Im Fußballgeschäft sollte man alles für möglich halten.

ZEIT ONLINE: Kann man diese kriminellen Machenschaften quantifizieren? Wird bei jedem dritten Transfer Geld unter dem Tisch verschoben?

Littmann: Schwarzgeldzahlungen sind nicht bei allen Vereinen Usus. Aber mit Sicherheit gibt es bei einigen Clubs Praktiken, die sich im Graubereich befinden. Bekommt der Spieler eine Unterkunft gestellt? Wie sieht die aus? Was für ein Auto fährt er? Wer bezahlt das alles? Wer versteuert solche geldwerten Vorteile? Unter dem Etikett der
Spielerbetreuung passiert einiges, was sich am Rande der Legalität bewegt. In der Zeit meiner Verantwortung bei St. Pauli haben wir darauf geachtet, genau so etwas nicht zu tun.

ZEIT ONLINE: Sind diese Erscheinungen vergleichbar mit Praktiken im Theater- und Showgeschäft?

Littmann: Im Theatergeschäft gibt es so etwas weniger. Im Showbereich gibt es aber sicher Parallelen. Wissen Sie, wer eigentlich an Lena verdient? Die Volksmeinung könnte sein, dass Lena hauptsächlich an der Arbeit Lenas verdient. So ist es mit Sicherheit nicht. Da sind Produzenten, Komponisten, Texter, Manager, die ganze Mannschaft drum herum, die einen erheblichen Teil ihres Verdienstes vereinnahmen. Die Frage ist, ob Stefan Raab oder Lena mehr an Lena verdienen.

ZEIT ONLINE: Und die Antwort?

Littmann: Die kann ich nicht geben, weil ich es nicht sicher weiß. Aber in Bereichen des Showgeschäfts sind so viele beteiligt, dass man sich manchmal fragt: Was bekommt eigentlich der Künstler?

ZEIT ONLINE: Der Fußballer ist in gewisser Hinsicht auch ein Künstler?

Littmann: Aber der Spitzen-Fußballer ist besser gestellt als ein Künstler. Auch wenn seine Lebensarbeitszeit viel begrenzter ist: Bei ihm kommt mehr Geld an.