Anderthalb Stunden danach ist die Südtribüne noch genauso voll besetzt wie beim Abpfiff. Dem Abpfiff, der die siebte Meisterschaft Borussia Dortmunds besiegelt. Einzeln werden Götze, Barrios, Sahin und alle anderen Spieler von den Fans aufgerufen, auf dass sie den gewaltigen gelben Menschenwall dirigieren und choreografieren. Auch auf der Haupttribüne harren noch an die 1000 Fans aus, um einen Blick ihrer Helden, einen Gruß, einen Wink zu ergattern. Sie kreischen "Lucas", "Neven" und "Mats" und klopfen sich auf ihr Herz.

Das Dortmunder Publikum ist das größte der Liga, wohl auch das treueste, bestimmt das lauteste. Es hat seinen Anteil am Titel, das betonen alle, ob Trainer, Vorstand oder Stürmer. Es ist ein selbstverständliches Dankeschön. Und doch wird im Spiel gegen Nürnberg sichtbar , dass sich dahinter mehr als eine Floskel verbirgt. Als die Südtribüne nach gut 20 Minuten Spielzeit merkt, dass die Elf nicht wie gewohnt ihre schnellen Lauf- und Ballwege aufs Feld bringt, stehen 25.000 Menschen scheinbar anlasslos auf und feuern ihre Jungs an. Keine zehn Minuten später steht es 1:0, keine 20 Minuten später 2:0. Jeweils begleitet von vielzehntausendfachen Torschreien.

"Ihre Jungs", auch das ist keine Floskel, denn die Dortmunder Profis trifft man auf Dortmunds Straßen, in Cafés, sie sind ansprechbar. Der Linksaußen Kevin Großkreutz stand vor nicht allzu langer Zeit noch selber im Block. Er kennt alle Gesänge. Als er sich im Getümmel auf dem Rasen das Mikrofon des Stadionsprechers schnappt und zu singen loslegt, ist seine Textsicherheit und sein breites Repertoire erkennbar. Dass er, vorsichtig gesagt, einen halben Ton unter der richtigen Melodie bleibt, ist nicht von Bedeutung.

Von Abwehrmann Felipe Santana will sich Großkreutz eine Glatze schneiden lassen, doch Santana rennt nach halb getaner Arbeit weg. Großkreutz sieht jetzt so grotesk aus wie Diether Krebs in Sketchup. Alkoholduschen für alle, auch für manchen Journalisten. Die üblichen Rasier- , Bier- und Männlichkeitsrituale. Ihren Trainer werfen die Spieler ein paar Mal in die Luft. Beim letzten Mal lassen sie ihn fallen, den Schmerz lässt er sich nicht anmerken.

Unter der Woche hat sich Jürgen Klopp große Mühe gegeben, gelassen zu wirken. Vergangenen Samstag hat es eine Niederlage beim Tabellenletzten gesetzt, die noch einmal Spannung erzeugt hat. Bricht die junge Mannschaft doch noch auf der Zielgeraden ein? Kommt Leverkusen weiter ran? Nach dem Sieg gegen Nürnberg gesteht Klopp, sehr angespannt gewesen zu sein. "Der Druck war groß", sagt er mit nassem Kopf und nassem Hemd. Platz zwei wäre vor der Saison ein sehr gutes Ergebnis gewesen. Nach einer mehr als halbjährlichen Tabellenführung hätte der Vizetitel, entgegen Beteuerungen, alle enttäuscht.