"Die Mafia entscheidet über Aufstieg und Abstieg"

30 Jahre lang schrieb Daniele Poto als Journalist für die Turiner SporttageszeitungTuttosport. Für Berichterstattung über Korruption und Verbrechen im Fußball war im Hausblatt von Juventus Turin kaum Platz. "Ich habe so viele manipulierte Spiele gesehen, am Ende konnte ich mich nur noch in Ironie flüchten", erzählt der 57 Jahre alte Römer. Schließlich hängte Poto seinen Job an den Nagel und begann im Auftrag der AntimafiaorganisationLiberamit der Recherche über die Verwicklungen von Calcio und Mafia. Das Buch mit dem TitelLe mafie nel pallone– die Mafia im Fußball, ist im vergangenen September auf Italienisch im Turiner Abele-Verlag erschienen.

ZEIT ONLINE: Herr Poto, wie hat sich die Mafia im italienischen Fußball ausgebreitet?

Daniele Poto: Der Einfluss der Mafia reicht vom Wettbetrug, dem Verschieben von Partien und der Manipulation von Spielern bis zu Übernahmen und Unterwanderungen einzelner Vereine. Der berühmteste Fall ist der um den ehemaligen Spieler Giorgio Chinaglia, der im Auftrag eines Camorra-Clans Präsident von Lazio Rom werden sollte. Die Camorra wollte so 27 Millionen Euro, die auf ungarischen Konten lagen, reinwaschen. Chinaglia ist drehbuchmäßig vorgegangen, hat sich mit dem damals mächtigen Kern der Lazio-Ultràs, den rechtsradikalen Irriducibili , angefreundet. Der Deal ist zum Glück geplatzt, weil die Staatsanwaltschaft Chinaglia 2006 auf die Spur kam.

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich den Einfluss der Mafia heute konkret vorstellen?

Poto: Erst vor Kurzem hat die Polizei bei der kalabrischen `Ndrangheta-Familie Pesce aus Rosarno Güter im Wert von 190 Millionen Euro konfisziert. Dabei kam heraus, dass der Clan Vereine in zwei Regionen kontrollierte. Das ist wie im großen Business: Auch die Mafia diversifiziert ihre Aktivitäten, eine davon ist der Fußball.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben sie vor allem niederklassige Vereine, die von der Mafia kontrolliert werden. Was haben die Bosse da für ein Interesse?

Poto: Gerade im Süden, in den Regionalligen beispielsweise, da geht es nicht nur ums Geschäft, sondern um symbolische und politische Macht. Als Präsident eines Clubs ist man oft wichtiger als der Bürgermeister. In Kalabrien, aber auch in Kampanien ist das der Fall, da gibt es Dörfer mit 3.000 Einwohnern und 1.000 gehen ins Stadion. Diese 1.000 können leicht vom Club-Präsidenten manipuliert werden.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Poto: Nehmen wir die Stadt Casal di Principe im Norden Neapels. 25.000 Einwohner, 2.000 davon arbeiten nachweislich für die Camorra. Auch hier kontrollierte der Clan der Casalesi viele Jahre den örtlichen Klub bis schließlich die Justiz eingeschritten ist. Der Fußball war Teil eines mafiösen Konsortiums, das dem Clan den lokalen Konsens und die Kontrolle über das Territorium garantierte.

ZEIT ONLINE: Inwiefern schafft ein Fußballverein Konsens?

Poto: Das beste Beispiel hierfür ist der AC Mailand, der für den Ministerpräsidenten und Klubchef Silvio Berlusconi eine großartige Konsensmaschine darstellt. Noch dazu jetzt, wo Milan den Meistertitel gewonnen hat . Auf der Ehrentribüne drängeln sich alle mächtigen Leute, die Tifosi jubeln dir zu, Sportjournalisten werden instrumentalisiert. Mit einem Fußballverein kann man Wahlen gewinnen.

ZEIT ONLINE: Der Antimafia-Pfarrer Don Pino De Masi hat darauf hingewiesen, dass die 'Ndrangheta durch die Kontrolle von Jugendabteilungen versucht, Nachwuchs zu gewinnen. Sind Ihnen solche Fälle bekannt?

Poto: Ich denke etwa an Potenza Calcio, wo der Präsident den Nachwuchstrainer gewaltsam mit einem Mafioso ersetzen ließ. Dem bisherigen Trainer wurde das Auto angezündet, damit er sich davon macht. Es stimmt, die Mafia hat es auf die Jugend abgesehen.

ZEIT ONLINE: Im Buch beschreiben Sie vor allem Fälle aus unteren Spielklassen in Süditalien. Bekanntlich breiten sich `Ndrangheta und Camorra immer mehr in Norditalien aus. Betrifft das auch den Fußball?

Poto: Eindeutig ja. Erst vor Kurzem wurde der Präsident der US Sanremese Calcio, dem Verein in San Remo, überführt, Mafiosi in den Verein eingeschleust zu haben. San Remo liegt in Norditalien. Auch hier werden immer mehr Gemeindeverwaltungen wegen Mafia-Infiltration aufgelöst. Das hat inzwischen schon Dimensionen wie im Latium, der Fußball ist da nicht ausgenommen.

ZEIT ONLINE: Wie steht es um die großen Vereine wie Juventus Turin, Inter Mailand oder den AC Mailand?

Poto: Natürlich ist das Interesse der Öffentlichkeit bei diesen Klubs groß, für die Mafia ist es schwierig, dort strukturell Einfluss zu nehmen. Allerdings ist seit Langem bekannt, dass die Kurve der Milan-Tifosi von einem 'Ndrangheta-Clan aus Kalabrien kontrolliert wird. Das bedeutet, dass diese Leute dort von jedem Verkauf einer Flasche Mineralwasser oder eines Trikots profitieren. In Catania, Rom und vor allem in Neapel geht es noch schlimmer zu.

Torwarte und Stürmer anfällig für Bestechung

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Poto: Wer in Neapel ins Stadion gehen will, der muss zunächst einem illegalen Parkwächter den pizzo , also ein Schutzgeld abtreten, sonst riskiert man zerstochene Reifen. Im Inneren des Stadions kontrolliert die Camorra jeden Winkel. Wenn du eine Wurstsemmel kaufst, ist im Preis schon der Anteil eines Clans enthalten. Wer im Stadion arbeiten will, braucht die Erlaubnis der Camorra, sie vergibt die Jobs.

ZEIT ONLINE: Können die Vereine da nichts tun?

Poto: Einige Klubs bemühen sich. Aber viele Stadien in Italien sind Niemandsland. Da kann jeder machen, was er will.

ZEIT ONLINE: Sie berichten über viele Fälle, in denen die Mafia das Wettbusiness kontrolliert . Wie ernst ist hier die Situation?

Poto: In der vergangenen Saison wurden für die Serie B 25 Spiele mit Unregelmäßigkeiten signalisiert. Wenn die Zahl stimmt, und meistens liegt die Dunkelziffer ja viel höher, dann wurden hier 75 Punkte betrügerisch vergeben. Das heißt, die Wettmafia entscheidet über Abstieg und Aufstieg. In unteren Spielklassen sieht es nachweislich viel schlimmer aus.

ZEIT ONLINE: Was passiert dort genau?

Poto: Kurz nach Veröffentlichung des Buches wurde bekannt, dass die Manager von sieben kleineren Vereinen aus dem Salento in Apulien mit der ehemaligen Sacra Corona Unita verbunden waren. Man hat Vor- und Nachnamen von diesen Leuten. Ein krasses Beispiel ist auch das des Präsidenten Giuseppe Postiglione von Potenza Calcio in der Basilicata. Er hat auf die eigene Mannschaft gewettet und 150.000 Euro mit dem von ihm verschobenen Spiel Potenza-Salernitana gewonnen.

ZEIT ONLINE: In diesem Fall musste sich die Mafia auf hörige Spieler verlassen können, die den Ausgang eines Spiels bestimmen?

Poto: Natürlich, vor allem Torwarte und Stürmer sind anfällig für Bestechung, weil es vor allem an ihnen liegt, ob Tore fallen. Doch man muss die Fußballer ganz pauschal kritisieren. Es herrscht flächendeckend eine omertà , ein unausgesprochenes mafiöses Schweigegelübde. Aus Angst und Opportunismus und weil viele nach ihrer aktiven Karriere auf einen Trainer- oder Managerjob hoffen, sagt keiner ein Wort. Ganz nach dem italienischen Motto: Man spuckt nicht in den Teller, aus dem man isst. Mit ganz wenigen Ausnahmen von Spielern, die heute wie Aussätzige behandelt werden.

ZEIT ONLINE: Welche direkten Verbindungen von Spielern in der Serie A und der Mafia sind Ihnen bekannt?

Poto: Vom Lazio-Spieler Giuseppe Sculli weiß man, dass sein Großvater ein 'Ndrangheta-Boss war. Sculli war als Spieler des FC Crotone übrigens auch in einen Wett-Skandal der `Ndranghtea verwickelt und brüstete sich in der Kabine für das manipulierte Resultat. Das hat man alles aus abgehörten Telefonaten erfahren. Ein anderer Fall ist der des Nationalspielers Gaetano D'Agostino, derzeit beim AC Florenz unter Vertrag. Seine Karriere stand zu Beginn im Zeichen der Cosa Nostra. Der wegen Mafiaverbrechen verurteilte Senator Marcello Dell'Utri, ein Vertrauter Berlusconis, empfahl den Spieler aus Palermo für die Jugend des AC Mailand. Der Transfer kam zwar nie zustande, aber man sieht an diesem Fall, dass die Mafia über Karrieren entscheiden kann.