Als Birgit Prinz am Donnerstagnachmittag die Turnhalle des VfL Wolfsburg betritt, die der DFB für ein paar Tage für seine Pressearbeit angemietet hat, lächelt sie. Sie freut sich, sich erklären zu können. Die Stürmerin hatte freiwillig auf einen Einsatz im letzten Vorrunden-Spiel gegen Frankreich verzichtet. Sie hatte gegen Kanada und Nigeria nicht gut Fußball gespielt. Sie wirkte langsam, der Gegner schnell. Sie konnte einem ein bisschen leid tun. Viele schrieben, ihre Zeit sei vorbei.

"Ich habe es nicht geschafft, mit dem Druck umzugehen. Ich hatte das Gefühl, ich kann der Mannschaft im dritten Spiel nicht helfen", sagt Birgit Prinz und tut das, was ihr am schwersten fällt – öffentlich über sich selbst reden. In bemerkenswerter Offenheit erzählt die Frankfurterin von ihren Gefühlen, ihrem Innenleben. Solch Tiefe ist selten bei Sportlern. Ein Athlet muss stark sein, körperlich, auch mental. Schwächen werden überspielt, die Konkurrenz lauert.

Viele denken, im Profisport könne man nur mit einem harten Panzer Erfolg haben. Es gibt talentierte Sportler, die an diesen Erwartungen zerbrechen. Sie denken, ihr Panzer sei nicht hart genug, und sie daher nicht gut genug. Birgit Prinz zeigt, dass man auch ohne Panzer lange Zeit erfolgreich sein kann. Und, dass es befreiend wirken kann so etwas zuzugeben.

Birgit Prinz hat ihren Sport geprägt wie keine andere Frau. Aber in ihrer besten Zeit hat kaum einer auf ihren Sport geachtet. Sie ist eine Legende, hat aber nie die Öffentlichkeit gesucht. Die kam zu ihr, in diesem Sommer 2011, als die Frauenfußball-Vermarktungsmaschinerie besonders hochtourig lief. Jetzt, wo sie ihr Spiel verloren hat, schaut das ganze Fußballland hin.

"Ich fand die Kritik ein bisschen übertrieben. Es hatte für mein Empfinden Züge einer Hetzjagd", sagt sie. Birgit Prinz ist sensibel, vielleicht nimmt sie sich die Dinge zu sehr zu Herzen. Vielleicht ist ihre Reaktion jene, die jeder Mensch zeigen würde, für den mediale Aufmerksamkeit ungewohnt ist. Als Reporter dieser WM muss man sich daran gewöhnen, keine abgebrühten männlichen Profifußballer vor sich zu haben, die jeden Selbstzweifel verbergen. Während Birgit Prinz in das Mikrofon spricht, muss ich kurz an Robert Enke denken.

Ihre ganze Karriere lang war die Frankfurterin ein Teamplayer. Auch jetzt. "Ich habe mich mit der Situation arrangiert. Ich werde versuchen, der Mannschaft zu helfen. Wenn ich nicht mehr aufs Feld kommen sollte, versuche ich, meine anderen Fähigkeiten einzubringen", sagt Prinz.

Viele Journalisten ließen in ihrer Berichterstattung über Birgit Prinz in den vergangenen Tagen den Namen Michael Ballack einfließen. Weil es um Denkmäler ging, die bröseln. Der Fußballerin muss das wie die größte aller Beleidigungen vorgekommen sein. Sie ist in ihrer Sportart nicht nur weitaus erfolgreicher als Ballack. Sie würde auch nie auf die Idee kommen so anmaßend durchs Leben zu schreiten wie Ballack, der stärker an seinem Nationalmannschafts-Kapitänsamt klebte, als der Ball je an seinem Fuß.

Als Birgit Prinz die Turnhalle in Wolfsburg verlässt, lächelt sie wieder. Erleichtert diesmal. Gut möglich, dass es der schwerste Auftritt ihres Lebens war. Auf jeden Fall war es der Mutigste. Einer, der genauso in Erinnerung bleiben wird wie ihr schönstes Tor.

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