ZEIT ONLINE:  Frau Sobiech, Sie vertreten die These, dass Frauen ein anderes Fußballspiel spielen, was meinen Sie damit?

Gabriele Sobiech:  Die Hälfte aller Verletzungen, die sich Männer im Fußball zuziehen, resultieren aus Foulspielen. Bei Frauen sind es kaum Fouls, sondern überwiegend Belastungssituationen, die Verletzungen hervorrufen. Frauen versuchen unbewusst, Verletzungen zu vermeiden. Bei Männern ist das anders. Ein Paradebeispiel ist Tim Wiese, der einem Spieler an die Halsschlagader tritt und meint, das gehöre zum Fußball dazu.   

ZEIT ONLINE: Frauen spielen weniger hart, das ist keine neue Erkenntnis. Sind sie von Natur aus weniger aggressiv?

Sobiech: Nein, das hat mit Natur überhaupt nichts zu tun. Es hängt zum Teil mit der Geschichte des Fußballs zusammen, der sich in Deutschland unter Ausschluss von Frauen etabliert hat. Von 1955 bis 1970 war Frauenfußball unter dem Dach des DFB verboten. Als Frauen dann offiziell zugelassen wurden, galten andere Regeln für sie, die suggerierten, dass Frauen schutzbedürftig seien. Auch wenn diese Regeln wieder abgeschafft wurden, haben sie doch Einfluss auf das Spiel der Frauen genommen.

ZEIT ONLINE: Dann ist der Mangel an professionellen Strukturen für das weniger aggressive Spiel der Frauen verantwortlich?

Sobiech: Nicht nur, das Einüben bestimmter Haltungen und Bewegungen setzt viel früher ein. Bis zur Pubertät haben die meisten Fußballspielerinnen in Jungenmannschaften gespielt. Sie bewegen sich wie Jungs auf dem Feld, duschen mit ihnen, werden teilweise auch nicht als Mädchen erkannt, es gibt kaum Unterschiede. Mit zwölf Jahren müssen sie plötzlich eigene Umkleidekabinen benutzen, mit spätestens 14 in einer Mädchenmannschaft spielen. Gleichzeitig wächst der Druck der gleichaltrigen Mitschülerinnen auf die Spielerinnen, sich wie "richtige" Mädchen zu verhalten. Junge Fußballspielerinnen leben in zwei Welten. Eine wurde von Mitschülerinnen als Zwitter bezeichnet, was für sie den Ausschlag gegeben hat, sich die Haare wachsen zu lassen und Röcke zu tragen.

ZEIT ONLINE: Frauen werden also zu Frauen gemacht?

Sobiech: Mädchen wachsen damit auf, sich immer wieder weiblich zu inszenieren. Sie passen ihr Bewegungsbild daran an, immer schön sein zu müssen. Sie üben diese Verhaltensmuster ein, sie ahmen Weiblichkeit nach, was dann zu einem Teil ihres körperlichen Ausdrucks wird. Das zeigt sich in der Körpersprache, der Intonation der Stimme, der Auswahl von Kleidung und der Farben. Gehen Sie mal in einem Kaufhaus in die Mädchen- und danach in die Jungenabteilung. Da fallen Ihnen die Augen raus.

ZEIT ONLINE: Und fußballspielende Mädchen geraten in einen Konflikt?

Sobiech: Ja, sie werden spätestens mit der Pubertät dazu gedrängt, sich weiblich zu kleiden und zu verhalten. Eine Spielerin sagte mir, sie habe ein Jahr gebraucht, um sich nach der Jungenmannschaft in einer Mädchenmannschaft zurecht zu finden. Ihr Zweikampfverhalten wurde immer abgepfiffen. Erst nach und nach habe sie kapiert, dass sie sich öfter hinfallen lassen muss, dann wurde ihre Gegenspielerin abgepfiffen. 

ZEIT ONLINE: Wird sich der Frauenfußball professionalisieren, mit mehr Wettbewerb und höheren Gehältern?

Sobiech: Die Kommerzialisierung wird auch bei den Frauen Einzug halten. Das wird sich nicht vermeiden lassen.