Die Anspannung schien greifbar zu sein auf dem Center Court von Wimbledon, 15.000 Zuschauer hielten den Atem an. Novak Djokovic hatte einen Matchball und ließ den Ball eine gefühlte Ewigkeit lang vor sich auftippen, wie er es immer tut, wenn es so besonders wichtig ist. Und wichtiger war es für den 24 Jahre alten Serben nie zuvor gewesen: Nur noch ein Punkt trennte ihn von seinem ersten Wimbledon-Sieg, von nichts anderem hatte er seit seiner Kindheit geträumt.

Djokovic hämmerte den Aufschlag ins Feld, Rafael Nadal geriet sofort in die Defensive und schließlich segelte seine Rückhand hinter die Grundlinie. Djokovic ließ sich auf den Rücken fallen und blieb ausgestreckt auf dem Rasen liegen. Alle Anspannung löste sich, er hatte Nadal 6:4, 6:1, 1:6 und 6:3 nicht nur geschlagen – er hatte den Titelverteidiger förmlich demontiert.

"Das ist der schönste Tag meines Lebens", sagte Djokovic, "ich glaube, ich schlafe immer noch und alles ist nur ein Traum." Doch sein dritter Grand-Slam-Titel war Realität. Und als ob es noch eines Beweises für ihn bedurfte, beugte er sich über den Rasen, riss ein paar Grashalme heraus und aß sie auf. "Ich fühlte mich wie ein Tier", sagte er. "Ich wollte sehen, wie es schmeckt – es schmeckt gut." Als er den Cup in Händen halten durfte, stand Nadal abseits mit seinem silbernen Trostpreis und wirkte getroffen.

Nur zwei seiner zuvor zwölf Grand-Slam-Finals hatte der 25 Jahre alte Mallorquiner verloren, nur Roger Federer vermochte ihn bisher zu bezwingen – beide Male in Wimbledon. Auch für Nadal war dieser Ort etwas Besonderes. Nirgendwo mögen ihn die Zuschauer so wie hier. Nadal hatte Djokovic fair gratuliert, wie es seine Art ist, und gesagt: "Ich habe alles gegeben, aber ein Spieler war heute stärker als ich." Doch sich anzuschauen, wie Djokovic den Cup genüsslich küsste, ertrug er fast nicht.

Selten war bei einem Grand-Slam-Finale der Ausgang vorab so offen gewesen, wie dieses Mal. Trotz 47 Siegen in 48 Saisonspielen gab es Zweifel, ob er dem Druck würde standhalten können. Auch konnte Djokovic den Spanier in vier Masters-Endspielen bezwingen, doch war ihm das noch nie bei einem Grand Slam gelungen.