Wenn am Samstag die Tour de France beginnt, darf auch der dopingverdächtige Vorjahressieger Alberto Contador mitfahren. Nach einem Jahr ist es noch immer nicht gelungen, die Vorwürfe gegen ihn abschließend zu klären. Sein Beispiel zeigt, in welcher Zwickmühle die Promoter des Spitzensports stecken.

Die Sonntagsreden sind bekannt: Viele Sportfunktionäre beklagen Doping als "Seuche" des modernen Hochleistungssports. Sie parlieren über unverbesserliche Einzeltäter und kriminelle Netzwerke. Sie fordern eine kompromisslose Dopingbekämpfung und harte Strafen. Aber wenn wir die hehren Beteuerungen auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen, werden sie oft erstaunlich einsilbig. So wie im vergangenen Jahr der Weltradsportverband UCI, der für einen beispiellosen Höhepunkt in der Desinformationspolitik sorgte.

Ausgerechnet der Sieger der Tour de France 2010 war den Dopingfahndern des Weltverbandes ins Netz gegangen. Wochenlang behielt die UCI diese Nachricht für sich, obwohl die B-Probe des Urins von Contador den Dopingverdacht bestätigt hatte. Der spektakuläre Befund aber ließ sich nicht lange geheim halten – die Reporter der ARD-Doping-Redaktion hatten einen Hinweis aus Radsportkreisen erhalten.

Doch der UCI-Präsident Pat McQuaid und sein Sprecher Enrico Carpani sagten, sie wüssten von keinem positiven Dopingtest des Tour-de-France-Siegers. Nur wenige Stunden später behaupteten sie das Gegenteil und gestanden den Fall ein. Es war die Flucht nach vorn – weil man glaubte, dass eine Berichterstattung der ARD über Contador und das Verhalten der UCI jeden Moment eintreten könnte. Präsident McQuaid und sein Sprecher räumten das unverblümt ein.

Die missliche Lage, in der sich die Funktionäre befanden, ist nachzuvollziehen. Es kann nicht im primären Interesse der Verbandsvertreter liegen, den positiven Dopingtest eines Weltstars konsequent zu verfolgen. Alberto Contador ist eine Cash Cow für die UCI. Die Gewinnung von Sponsoren, der Verkauf von Fernsehrechten und die profitable Veranstaltung von Radrennen lassen sich am besten über die Galionsfiguren des Pelotons absichern. Damit verdient ein Weltverband Millionen. Es ist in dieser Systemlogik kontraproduktiv, mögliche Doping-Verstrickungen zum Gegenstand öffentlicher Debatten werden zu lassen.

Dieses Interessengeflecht verdeutlicht, warum Sportfunktionäre gegenüber kritisch nachfragenden Journalisten häufig so empfindlich reagieren. Im Fall des Weltradsportverbandes hat sich die Lage nun zugespitzt. Die UCI verweigert den deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten seit Monaten alle Interviews zur Dopingproblematik. Der Boykott gegenüber ARD und ZDF wird vom UCI-Sprecher sogar offensiv verteidigt. Bei ihnen stünde nur Doping auf der Agenda, das wolle man nicht unterstützen, erklärte er.

Bei diesem Thema mit einem Auge wegzuschauen oder es gar stillschweigend hinzunehmen lohnt sich für das System Sport. Für die um bestmögliche Vermarktung ihrer Events buhlenden Funktionäre sind die wie auch immer gesteigerten Leistungen zunächst einmal attraktiv, weil sie verkaufsfördernd wirken. Sportevents, bei denen spektakuläre Leistungen zu erwarten sind, ziehen Sponsoren und TV an, die sich einen Mehrwert erhoffen und oft bereit sind, große Summen zu zahlen.

Auch Sportverbände, deren Protagonisten nicht jedes Wochenende im Rampenlicht stehen, profitieren von erfolgreichen Sportlern durch deren hohe Identifikationswerte beim Publikum. Die Schwimmerin Franziska van Almsick in den neunziger Jahren oder der Turner Fabian Hambüchen in den vergangenen Jahren sind gute Beispiele dafür. Aktuell sorgt der Basketballer Dirk Nowitzki für einen hohen Werbewert seiner Sportart, worüber sich die Verbandsvertreter freuen dürften.