ZEIT ONLINE: Herr Labbadia, die Zeiten der sommerlichen Großeinkäufe des VfB Stuttgart sind vorbei. Wie kommen Sie mit der neuen schwäbischen Sparsamkeit zurecht?

Bruno Labbadia: Ich weiß, wie die Situation ist und gehe den Weg mit. Wenn der Club nicht mehr das Geld für die ganz großen Transfers hat, dann ist das eben so. Ich finde es gut, dass ordentlich gewirtschaftet wird.

ZEIT ONLINE: Sagen Sie das auch als Trainer?

Labbadia: Ja, auch als Trainer. Ärgerlich ist es nur, wenn einem gesagt wird, wir haben kein Geld und nach einem Trainerwechsel sieht das dann auf einmal ganz anders aus und der neue Mann darf plötzlich teure neue Spieler holen. Aber wie gesagt, ich will nicht klagen. Wir haben uns gezielt verstärkt und wir haben eine Mannschaft mit Spielern, die den guten Geist der Rückrunde weitertragen. Es war klar, dass wir keinen Topstar im zweistelligen Millionenbereich holen werden. Das Problem bei außergewöhnlichen Spielern ist ja oftmals auch, dass sie in vielen Bereichen außergewöhnlich sind. Eine gute, in sich gefestigte Mannschaft kann so etwas auffangen. Wir können jetzt also die Mannschaft so weiter entwickeln, dass sie später vielleicht mal einen besonderen Spieler verträgt.

ZEIT ONLINE: Als Sie im Dezember 2010 zum VfB kamen, was fanden Sie für eine Mannschaft vor?

Labbadia: Es war eine stark verunsicherte Mannschaft, eine die wollte, aber nicht konnte. Mit nur zwölf Punkten aus der Vorrunde mussten wir sofort in die Vollen gehen. Es blieb keine Zeit zum Abtasten zwischen dem Trainerteam und den Spielern. Wir haben es geschafft, eine große Geschlossenheit reinzubringen. Es gab auch Rückschläge. Aber alle im Verein haben Ruhe bewahrt. Der Vorstand hat sehr gut reagiert. Man hat Fredi Bobic und mir vertraut und uns in Ruhe weiterarbeiten lassen.

ZEIT ONLINE: Dennoch war der Druck immens.

Labbadia: Auf jeden Fall. Es ist etwas anderes, ob ein Klub wie der FC St. Pauli oder aber der VfB Stuttgart um den Abstieg spielt. Es ging darum, eine positive Grundstimmung in die Mannschaft zu tragen, obwohl wir wussten, dass wir noch 28 Punkte holen müssen. Ich habe den Jungs gesagt, wir wollen nicht den Berg, der sich vor uns auftürmt, sondern jede einzelne Etappe dorthin sehen.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen von positiver Grundstimmung. Dabei eilt Ihnen das Image voraus, ein ernster Mensch zu sein, der Fußball vor allem als harte Arbeit versteht und bei dem der Spaß zu kurz kommt.

Labbadia: Waren Sie vorher beim Training dabei?

ZEIT ONLINE: Ja. Es wurde auch gelacht.

Labbadia: Obwohl es eine sehr anstrengende Trainingseinheit war. Ich habe italienische Wurzeln. Ich kann beides: ich liebe das Leben, aber ich kann mich auch richtig in eine Aufgabe reinbeißen und 14 oder 16 Stunden mit Freude arbeiten. Für mich gilt der Grundsatz: Ich habe Freude, wenn ich mir etwas erarbeitet habe. Nehmen wir das Trainingslager im Ötztal. Da haben die Jungs richtig gut trainiert. Es gab dann einen Hüttenabend, und da wurde nicht nur Wasser getrunken. Das muss auch mal sein. Aber am nächsten Tag in der Früh erwarte ich dann, dass die Spieler auf dem Trainingsplatz wieder ihr Bestes geben. Bayer Leverkusen und der HSV haben unter mir teilweise begeisternden Fußball gespielt. Ohne Freude am Fußball kann so etwas nicht zustande kommen. Aber man muss als Trainer auch Spielregeln aufstellen. Und es geht um gegenseitigen Respekt.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Labbadia: Das fängt bei kleinen Dingen an. Es ist für den einzelnen Spieler kein Problem, nach dem Training oder nach dem Spiel seine Stutzen richtig herum zu drehen und dann in den Koffer zu werfen. Ich erwarte das aus Respekt vor dem Zeugwart und seiner Arbeit.