Im Sommer 1966 wird Jürgen May nach Berlin zitiert. Manfred Ewald, der mächtigste Sport-Funktionär der DDR, macht ihm ein Angebot: May, einer der besten Mittelstreckenläufer der Welt, solle zurücktreten, aus gesundheitlichen Gründen. Dann würde ihn die Staatssicherheit nicht mehr behelligen. May, 24 Jahre alt, fit und gesund, lehnt ab. Er glaubt, dass er sich das wegen seiner Bekanntheit, seiner Erfolge, seiner Rekorde und Medaillen erlauben kann. Tage später erfährt er aus der Presse von seinem lebenslangen Sportverbot.

May hatte seine Eltern früh verloren, sein Bruder war in den Westen geflohen, durch den Sport hatte er alle Kontinente bereist. Das reichte, um von der Staatssicherheit der DDR besonders beobachtet zu werden. Die Mitarbeiter der Stasi ahnten: In der DDR würde May nichts mehr halten.

Viereinhalb Jahrzehnte später, am vergangenen Donnerstag, steht May im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Das Zentrum deutsche Sportgeschichte Berlin-Brandenburg und die mexikanische Künstlerin Laura Soria wollen in einer Ausstellung zum 50. Jahrestag des Mauerbaus an die Zerrissenheit der Deutschen erinnern. Dabei helfen 15 Sportler-Persönlichkeiten, die bis Ende August in einer Multimedia-Ausstellung porträtiert werden. May, inzwischen 69, ein drahtiger Mann mit kurzen grauen Haaren, ist einer von ihnen. Er sagt: "Diese Ausstellung zeigt die hässliche Seite des DDR-Sports." Seit ihrer Gründung bis zum Mauerfall verließen mehr als drei Millionen Menschen die DDR, darunter mindestens 600 Leistungssportler.

Im Sommer 1966, nachdem May seine Berufung, den Sport, verloren hatte, wird ihm auch sein Beruf genommen: Er darf in Erfurt nicht mehr als Zeitungsvolontär arbeiten, das Journalistikstudium wird ihm verwehrt. Als Sportler des Jahres 1965 wird er durch den Fußballer Peter Ducke ersetzt. May wird aus Ergebnislisten gestrichen, aus Mannschaftsfotos getilgt, im Gedächtnis des DDR-Sports ist kein Platz mehr für ihn. Er fasst einen Entschluss: Er will vor dem System flüchten.

May entgegnet die Parole: "Kennen Sie den Weg zur Staatsoper?"

Im Sommer 1967 schickt May einen Brief mit verschlüsselten Botschaften in den Westen, zwei Tage später erhält er ein Telegramm: Er solle an der Staatsoper in Ostberlin spazieren gehen. Nach Stunden tippt ihm dort jemand auf die Schulter: "Sie wollen in den Westen, oder?" May erstarrt, überlegt einen Moment, wie er antworten soll. Nun könnte die Falle zuschnappen, nun könnte er für Jahre im Gefängnis der Stasi verschwinden. Doch die Fluchthelfer haben Wort gehalten, vermitteln ihm einen Treffpunkt und Kontakte in Budapest.

Um Informationen zu sammeln und Vergeltung zu planen, ließ die Stasi May wie auch viele andere Spitzensportler bespitzeln. Von Manfred Ewald soll die Aussage stammen: Dreißig Goldmedaillen nützen nichts, "wenn nur einer abhaut". Zu jenen, die abgehauen sind, zählen neben May die Leichtathletin Ines Geipel, der Fußballer Falko Götz und der Schwimmer Axel Mitbauer.

May macht sich im Juli 1967 auf den Weg nach Ungarn. In Budapest läuft er am Parlamentsgebäude an der Donau auf und ab, zehn Minuten jeden Nachmittag. Am zehnten Tag – May hat kaum noch Hoffnung – sind die Fluchthelfer sicher, dass er nicht mehr beobachtet wird. Wieder tippt ihm jemand auf die Schulter, May entgegnet mit der abgesprochenen Parole: "Kennen Sie den Weg zur Staatsoper?"

Die Fluchthelfer in Budapest verstecken May in einen Cadillac. Schweißgebadet hört er, wie Polizisten die Karosserie nach Hohlräumen abklopfen. Fast drei Stunden dauert die Fahrt, bis er die österreichische Grenze überquert hat und in Sicherheit ist.

In der BRD will er seine sportliche Laufbahn fortsetzen, doch der Versuch misslingt. Er wird Sportreferent und Dezernatsleiter in einer Kommunalverwaltung in Hessen, regelmäßig hält er in Schulen Vorträge über die DDR. "Ich bereue nichts, ich trauere keiner Entscheidung nach", sagt May während der Ausstellungseröffnung im Willy-Brandt-Haus. Was seien schon ein paar Medaillen gegen die Meinungsfreiheit.