Zwanzig Minuten nach Spielschluss kauert Simone Laudehr noch immer nahe dem Mittelkreis. Theo Zwanziger patscht ihr auf den Rücken und trottet weiter zu Saskia Bartusiak, ein paar Schritte entfernt. Hinten muss Kerstin Garefrekes ein Fernsehinterview geben, mit den Händen in den Hüften. Nebenan, vor der Trainerbank, vor der die Wasserflaschen kreuz und quer liegen wie nach einer Schlacht, starrt Lira Bajramaj in die fast leere Haupttribüne. Neben ihr liegt das Spruchband, mit dem die Mannschaft sich eben noch durchs Stadion schleppte: "Ein Team – ein Traum – Millionen Fans – Danke!" Danach haben sie es auf den Rasen geworfen, es wirft hässliche Falten.

Der Traum ist aus. Es ging so schnell.

Nie zuvor war eine deutsche Nationalmannschaft, ob männlich oder weiblich, als ähnlich hoher Favorit in ein Turnier gestartet. Der Frauenfußball schien vor allem eine deutsche Angelegenheit zu sein. Als größter Gegner galten nicht die Amerikanerinnen, Schwedinnen oder Japanerinnen, sondern die deutschen Männer. Die Skeptiker auf den Sofas, die Spötter in der Kneipe. Die galt es zu besiegen. Die anderen Teams, so schien es fast, waren irgendwie nur Füllmaterial.

Als die deutschen Spielerinnen sich nach der Partie zur Sache äußern mussten, wirkten sie daher nicht nur enttäuscht, sondern auch ein bisschen verwirrt. Monatelang hatten sie sich auf dieses Turnier vorbereitet, immer das Finale in Frankfurt im Kopf. Dass sie schon im Viertelfinale ausscheiden könnten, in Wolfsburg, gegen Japan, mit 0:1 nach Verlängerung, hatte ihnen anscheinend niemand erzählt.

"Ich kann es noch gar nicht glauben, dass wir morgen nach Hause fahren", sagt die Innenverteidigerin Saskia Bartusiak. "Das ist total surreal. Ich habe noch immer das Gefühl, ich fahre ins Hotel, packe meinen Koffer und Mittwoch geht’s weiter", sagt die deutsche Torfrau Nadine Angerer. Die Angreiferin Inka Grings erzählt, sie habe ihren Urlaub erst ab dem 20. Juli geplant und Lira Bajramaj findet es "unbegreiflich, dass wir jetzt nach Hause fahren und die anderen spielen die WM weiter."

Ähnlich apathisch wirkten auch die Zuschauer. Als der japanische Führungstreffer fiel, war es im ansonsten stimmungsvollen Wolfsburger WM-Stadion so ruhig, dass man die spitzen Jubelschreie der asiatischen Spielerinnen bis unters Tribünendach hören konnte. Nach dem Schlusspfiff gab es keine Pfiffe, keine Buhrufe, nur Staunen, Unglauben. Fast wirkte es, als warteten die deutschen Fans darauf, dass jeden Moment Kurt Felix, der ja jetzt Guido Cantz heißt, über die Absperrung hüpft und feixend aufklärt, dass das gesamte Stadion zur nächsten Folge Verstehen Sie Spaß? eingeladen sei.

Die deutsche Enttäuschung ist auch so groß, weil die eigene Mannschaft 120 Minuten lang dem Tor näher war als der Gegner. Deutschland gegen Japan war kein schönes Spiel. Aber es war ein Spiel, das wegen seiner Intensität und Spannung durchaus als Werbung für den Frauenfußball durchgehen kann. Die Asiatinnen entschieden sich für eine eher konservative Variante, was man keinem Team verdenken kann, wenn es gegen den großen Turnierfavoriten geht. Sie stellten sich in ihre eigene Hälfte, verschoben sich geschickt hierhin und dorthin, und rannten nur dann nach vorne, wenn wirklich Aussicht auf Erfolg bestand. Wie in der 108. Minute, als Homare Sawa ihre Kollegin Karina Murayama auf die Reise schickte, die aus spitzem Winkel traf, auch weil die deutsche Tourfrau Nadine Angerer sich seltsam früh in das kurze Eck fallen ließ. Es war einer von zwei Schüssen auf das deutsche Tor.

"Man kann nicht sagen, dass die Japanerinnen verdient gewonnen haben", sagt Silvia Neid nach dem Spiel. Sie wirkt, als hätte sie der japanische Schnellzug Shinkansen gestriffen. Die Bundestrainerin musste sich Fragen zu ihren Umstellungen und Auswechslungen gefallen lassen, erläuterte ihre Überlegungen in einem oberlehrerhaften Ton. Ob sie sich Vorwürfe mache? "Nein, ich bin sehr, sehr traurig", sagt sie.