Nickerchen im Sportausschuss – Seite 1

Korruption, das sind die anderen, denkt man in Deutschland – trotz Siemens, Zumwinkel, Kohl, Flick und all den anderen Filzgeschichten. Diese Haltung gilt auch für den Sport. Das wurde auf einer Sitzung des Sportausschusses des Bundestags am Mittwoch klar. Obwohl in Kiel in diesen Tagen dem Handball der Prozess gemacht wird . Obwohl die Hoyzer-Affäre vor sieben Jahren den deutschen Fußball erschütterte. Obwohl in dieser Woche eine Studie belegte , dass in der alten Bundesrepublik mit Duldung des Staats, vielleicht sogar mit dessen Unterstützung, gedopt wurde.

Im Mittelpunkt der Sitzung stand Jens Sejer Andersen, der Initiator der Sportkonferenz "Play the Game" , die nächste Woche in Köln stattfinden wird. Der Däne Andersen, ein Anwalt des sauberen Sports, malte in höflichem, aber deutlichem Ton ein schwarzes Bild. Er trug einige Vorkommnisse aus der jüngeren Vergangenheit vor. Der mexikanische Präsident des Internationalen Volleyball-Verbandes, Ruben Acosta, zweigte mehr als fünfzehn Millionen Euro an TV-Einnahmen für seine Familie ab. Hassan Moustafa, Präsident des Handball-Weltverbandes aus Ägypten, ließ Spiele manipulieren und kassierte unter anderem überhöhte Reisekosten.

Unrühmlicher Spitzenreiter der Anklage war die Fifa, die durch die dubiosen WM-Vergaben an Russland und Katar sowie die Wiederwahl des Präsidenten Joseph Blatter in die Kritik geraten ist. Ein Fifa-Insider habe ihm gesteckt, sagte Andersen, dass keine WM der vergangenen dreißig Jahre auf saubere Art vergeben worden sei, auch nicht die deutsche im Jahr 2006. Hier herrsche Aufklärungsbedarf. Bei Blatters Wiederwahl, gab Andersen zudem zu verstehen, habe der DFB ihn enttäuscht. "Wenn es um die Fifa geht, endet die Demokratie", sagte er. Es war eine Anspielung auf den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, der sich gerne als Saubermann gibt, aber Blatter unterstützte.

An diesen Zuständen im Sport trage die Politik eine Mitschuld, kritisierte Andersen. Verbände brauchen Regeln und Kontrolle von außen, forderte er. Wer sich nicht daran halte, dem müsse man Druck machen, Zuwendungen streichen. Demokratische Länder dürften nur demokratischen Sport zulassen.

Ob Andersens Botschaft angekommen ist, muss bezweifelt werden. Der Großteil der Ausschussmitglieder reagierte abwehrend, machte sich klein. Natürlich ist die große Fifa böse, doch der deutsche Sport werde besetzt von ehrenhaften Ehrenamtlern. Hierzulande gelte es eher vorzubeugen als zu sanktionieren, sagte Christoph Bergner (CDU).

Zudem begrenzten die Wortführer das Thema Korruption auf Wettbetrug und die Vergabe von Vip-Tickets. Mit Wettbetrug lässt sich die Schuld auf asiatische Kriminelle und ein paar schwarze Schafe unter den Schiedsrichtern und unterklassigen Fußballprofis schieben. Was die teuren Eintrittskarten angeht, so haben sich DFB und DFL gestern auf einen Leitfaden geeinigt , aus dem hervorgehen soll, an wen Logeninhaber zu welchen Bedingungen Tickets verschenken dürfen. Der Hintergrund: Der Unternehmer Utz Claassen hatte hochrangige Politiker in seine Loge geladen, wurde deswegen verklagt, vor drei Jahren aber freigesprochen.

Desinteressierte Politiker

Das sind wichtige Maßnahmen und Hinweise, doch sie lenken den Blick weg von den Systemfehlern. Im deutschen Profisport geht es um Milliarden, doch Compliance-Strategien sind fast unbekannt. "Wo Blut fließt, sind Haie", sagte der Staatsanwalt Hans-Jürgen Fätkinhäuser, der als einer von vier Sachverständigen geladen war. Im deutschen Fußball fließen, je nach Schätzung, zwischen dreißig und siebzig Millionen Euro pro Jahr an Spielerberater, teilweise durch dunkle Kanäle. Wer prüft etwa, was Unternehmen dafür tun müssen, um Sportteams sponsern zu dürfen?

Welch geringe Bedeutung dem Thema Korruption seitens deutscher Politiker beigemessen wird, war offensichtlich. Vor allem die Mitglieder der Regierungsfraktionen wirkten desinteressiert bis undiszipliniert. Nicht alle konnten während der dreistündigen Sitzung die Augen offenhalten, manche spielten mit ihrem iPad. Die Volksvertreter hinterließen einen uninformierten Eindruck. Als der längst bekannte Fakt zur Sprache kam, dass der Fifa-Präsident Blatter im Frühjahr aus undurchsichtigen Gründen zwanzig Millionen Euro an Interpol gespendet hatte, ging ein Raunen durch den Saal.

Die Gleichgültigkeit lässt sich erklären. Mit dem Sport verscherzt es sich der Politiker nicht gerne: "Wo der Sport ist, sind die Kameras." (Andersen) Im Sportausschuss sitzen zudem einige Mitglieder, die gleichzeitig Sportämter innehaben. Die Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) ist Vizepräsidentin des Deutschen Leichtathletikverbands. Frank Steffel (CDU) ist Präsident des Berliner Handballvereins Füchse. Interessenskonflikte, die sich am besten an Reinhard Grindel (CDU) ablesen lassen. Er ist Abgeordneter des Bundestags, kandidiert als Vizepräsident für den Niedersächsischen Fußballverband, leitet die neue Antikorruptionskommission des DFB – und saß als externer Sachverständiger am Tisch. Entsprechend verharmlosend waren seine Einwürfe über Theo Zwanziger.

Wenig verwunderlich, dass Andersens Ruf nach einer Antikorruptionsagentur im internationalen Sport wenig Zuspruch fand. Der CDU-Politiker Bergner wehrte diese Forderung mit dem Verweis auf die unterschiedlichen Rechtssysteme ab. Dabei gibt es ein Vorbild: die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC). Die Bundesrepublik zählt übrigens zu den ganz wenigen Ländern, die sie nicht ratifiziert haben.