Per Mertesacker ist schon ewig lange dabei. Es muss kurz nach der Gründung des DFB vor 111 Jahren gewesen sein, als er sich erstmals das Trikot der deutschen Nationalelf überzog und sich anschickte fortan gegnerischen Stürmern den Ball vom Fuß zu klauben. Umso bemerkenswerter ist daher, was er nach dem 3:1-Sieg seiner Mannschaft am Freitagabend in der Türkei zu sagen hatte.

Früher, meinte Mertesacker sinngemäß, habe man solche Spiele schon mal hergeschenkt. Doch diese Mannschaft sei anders. "Wir hatten von Anfang an den Willen, das Spiel zu gewinnen", sagte er. "Die Mannschaft ist anscheinend noch einen Schritt weiter als vor zwei oder drei Jahren."

Mertesacker war nicht der Einzige, der auf dem Grün des frisch errichteten Ali-Sami-Yen-Sports-Complex in Istanbul eine neue deutsche Ernsthaftigkeit beobachtete. Es wäre leicht gewesen, das Spiel etwas nachlässig anzugehen, und sich später zu entschuldigen: Es ging doch um nichts mehr, die Reise war lang, die Atmosphäre hitzig. Die Mannschaft von Joachim Löw aber denkt derzeit nur ans Gewinnen und spielte ihr Spiel – schnell, direkt, vertikal und vor allem kühl bis ins Herz.

Der neunte Sieg im neunten Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2012 war kein Fest, wie die Partie gegen Brasilien im August , von der man sich noch eine Weile erzählen wird. Dafür fehlte es an Präzision in der Offensive, aber auch an Klasse des Gegners. Der Sieg zeigt vielmehr, dass sich in der Nationalmannschaft junge Männer zusammen gefunden haben, die genau wissen, was sie zu tun haben und ihre Aufgabe mit der Seriosität eines Sparkassendirektors erledigen.

Sind Manuel Neuers Qualitäten im Tor verschenkt?

Bastian Schweinsteiger warf sich mit einem Krummsäbel in der Tasche in jeden türkischen Angriff. Jerome Boateng weiß nach dem Spiel nicht, ob er lachen oder weinen soll, weil er wieder einmal auf der Position des Außenverteidigers überzeugte, die er eigentlich gar nicht mag. Und Manuel Neuer, Torwart von Beruf, übererfüllte sein Soll gar, indem er wie ein klassischer Spielmacher zwei Tore mit seinen langen Abwürfen vorbereitete. Viele im Stadion fragten sich, ob Neuer mit diesen Qualitäten im Tor nicht völlig verschenkt sei.

Ein Grund für die hohe Arbeitsmoral aller deutschen Nationalspieler ist die derzeitige Konkurrenzsituation. Früher, in Zeiten des deutschen Rumpelfußballs, galt der Trip zur Nationalelf als Erholungsreise. In Ermangelung guter Spieler konnten sich viele eines Stammplatzes sicher sein und lieferten ohne Furcht das ein oder andere Gurkenspiel ab. Ein knappes Jahr vor der EM 2012 ist das Angebot an talentierten, deutschen Spielern so groß, dass sich nur wenige Akteure auch mal ein schlechtes Spiel erlauben können.

Viel Konkurrenz um einen Stammplatz im Nationalkader

Jüngstes Beispiel dafür ist Sami Khedira. Der spielt immerhin bei Real Madrid, galt lange als gesetzt im deutschen defensiven Mittelfeld, bis ein gewisser Toni Kroos kam. Khedira beklagte sich vor der Partie über mangelnde Wertschätzung und rannte und arbeitete in Abwesenheit des verletzten Konkurrenten, als ginge es um den WM-Pokal.

Auch Mario Götze, dem das Fußballland noch vor ein paar Wochen zu den neonfarben beschuhten Füßen lag, hat im DFB-Team derzeit keinen Stammplatz. Gegen die Türkei blieb er zwar oft an einem vorderasiatischen Verteidigerbein hängen, zeigte aber auch, warum er derzeit der talentierteste deutsche Fußballer ist. Joachim Löw wird es freuen, zumal er noch von einen Mesut Özil weiß, der im Land seiner Väter mit einer lädierten Achillessehne nur auf der Tribüne saß.

Dabei machten es die Türken ihren Gästen keineswegs einfach. Die 50.000 Fans sangen schon vor Anpfiff die türkische Hymne so energisch mit, dass manch vielgereister Sportjournalist auf der Pressetribüne beeindruckt das Videohandy zückte. Und die Pfiffe, die die ersten Ballkontakte der DFB-Elf im Spiel begleiteten, drangen ganz sicher über den Bosporus bis hinüber nach Asien. Die deutschen Spieler aber blieben so unaufgeregt, als trügen sie Wattebausche in den Gehörgängen.