Strafen wie im alten Rom

Randale sind nichts Neues. Es gibt sie, seit es sportliche Massenveranstaltungen gibt. So berichtet der römische Geschichtsschreiber Tacitus von blutigen Fankrawallen im Jahr 59 n. Chr. "Es kam zu Sticheleien, dann zu Steinwürfen und zum Gebrauch der blanken Waffe. Wenige Stunden später glich das Amphitheater von Pompeij einem Schlachtfeld. Auch Tote waren zu beklagen", schreibt er anlässlich einer jener typisch römischen Festlichkeiten, bei denen Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen die Masse in Aufruhr brachten.

Damals stießen die Bewohner mit Heimvorteil auf die Gäste aus Nuceria. Schon vorher soll eine tiefe Feindschaft zwischen den Städten geherrscht haben. Die bei der ersten überlieferten Massenkeilerei im Imperium Romanum Unterlegenen, die Nucerianer, wussten sich daraufhin nicht anders zu helfen, als die Zentralmacht im fernen Rom um Hilfe zu bitten.

Der Kaiser schritt ein – und wie. Auf zehn Jahre wurden sämtliche Spiele in Pompeij verboten. Der Veranstalter und mit ihm zahlreiche Krawallmacher wurden verbannt. Die Collegien, so etwas wie antike Vereine, wurden gar verboten.

Vielleicht haben sich die Hardliner des deutschen Sports ja vom Strafmaß der Alten Römer inspirieren lassen. Deutschlands oberster Sportfunktionär, der DOSB-Präsident Thomas Bach, hatte bereits am Dienstag eine harte Linie gegen randalierende Fans gefordert: "Es darf keine Tabus mehr geben." Am Mittwoch, noch bevor sich die Spitzen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen-Fußball Liga (DFL) zum Krisengipfel trafen, forderte der DFB-Kontrollausschuss den Ausschluss von Dynamo Dresden aus dem Pokalwettbewerb für die Spielzeit 2012/13.

Die Gewalt in und um deutsche Fußballstadien hat in den vergangenen Wochen einen Höhepunkt erreicht. Es gab schwere Ausschreitungen bei den DFB-Pokal-Spielen in Dortmund und Frankfurt. Am vergangenen Samstag überfielen zwölf vermummte Anhänger des VfB Stuttgart bei einer Raststätte einen Bus mit Fans von Borussia Dortmund. In der Nacht zum Sonntag prügelten sich an einer Tankstelle in nordrhein-westfälischen Werne BVB-Anhänger und Bremen-Fans.

Auch in den unteren Ligen gab es zuletzt Zwischenfälle. Daniel Bauer, Spieler des Regionalligisten FC Magdeburg, war vergangenen Donnerstag von mehreren mit blauweißen Sturmkappen vermummten Anhängern in seiner Wohnung bedroht worden. In Krefeld wurden beim Spiel des KFC Uerdingen in der NRW-Liga sechs Polizisten verletzt.

"Wir beobachten zwei Entwicklungen", sagt Jörg Radek. stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). "Einerseits richtet sich die Gewalt immer öfter direkt gegen die Polizei, obwohl wir traditionell eigentlich zwischen den verfeindeten Fangruppierungen standen." Da sei der Fußball ein Sinnbild für die Gesellschaft. "Auf der anderen Seite betrifft die Gewalt immer öfter den Amateur- und Jugendbereich", sagt er. "Das ist eine bedenkliche Entwicklung, weil sich Amateurvereine ohne Hilfe von den Verbänden kaum gegen Krawallmacher schützen können."

Überzogene Strafe

Auf dem Krisengipfel wurde nun ein Maßnahmenpaket beschlossen. Das sieht unter anderem das vollständige Verbot von Pyrotechnik in Stadien vor, das Abzählen von Kartenkontingenten für Auswärtsspiele sowie das Verbot von Alkohol und Glasflaschen bei Problemspielen. Zudem werden die Verbände beim Runden Tisch mit Innenminister Hans-Peter Friedrich am 14. November die Schaffung einer sogenannten Task Force Sicherheit vorschlagen. Ihr sollen Vertreter aus Politik, Justiz, Polizei, den Fußball-Verbänden sowie der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) angehören, wie es in einer gemeinsamen Pressemitteilung heißt.

"Jetzt kommt es darauf an, den gemeinsamen Zielen konkrete und angemessene Taten folgen zu lassen", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball. Man wolle zunächst weiter für Dialog und Prävention eintreten. "Es muss aber klar sein, wo die Grenzen liegen, die nicht überschritten werden dürfen. Die echten Fußballfans müssen ein Teil der Lösung sein."

Sie sind auch in der Überzahl. "Wir sprechen hier von einigen wenigen, die den vielen den Spaß am Fußball verderben wollen", sagt der Polizeigewerkschafter Jörg Radek. "Bei rund 20 Millionen Zuschauern, die in einer Saison in die Stadien pilgern, sind aktuell rund 2.500 Stadionverbote verhängt worden. Die Zahl liegt also im Promillebereich."

In Dresden dürfte sie etwas höher liegen , dennoch fühlt man sich in Sachsen schlecht behandelt. Es wird vermutet, dass mit dem Pokalausschluss am eigenen Verein ein Exempel statuiert werden soll. "Wir halten die Strafe für drakonisch, absolut überzogen", sagte Dresdens Geschäftsführer Volker Oppitz. Drakon war zwar Gesetzesreformer aus Athen, dennoch lohnt sich auch für die Dresdner noch einmal ein Blick nach Rom:  Schon drei Jahre nach dem Wettkampfverbot kämpften erneut Gladiatoren zu Pompeij, die antiken Wagen fuhren wieder im Rundkreis. Rom hatte das vollständige Verbot schlicht nicht durchsetzen können.