Ausgerechnet Boris Kolesnikow. Der ukrainische Vizepremier ist Minister für Infrastruktur, Vizepräsident des Fußballclubs Schachtior Donetsk und Cheforganisator der Fußball-Europameisterschaft 2012 in der Ukraine. Die Zeitung Ukrainska Prawda hat aufgedeckt, dass Kolesnikow auch an der Firma AK Engineering beteiligt ist. AK Engineering soll als einziger Bieter einen Zehn-Millionen-Dollar-Staatsauftrag zur Renovierung einer Sportfläche im Sportpalast Kiew erhalten haben. Ausgerechnet Boris Kolesnikow hat wohl am meisten von der Vetternwirtschaft profitiert.

In etwa sieben Monaten wird in Polen und der Ukraine die EM angepfiffen. Rund 25 Milliarden Dollar muss die Ukraine für den Bau von Stadien, Autobahnen und Flughafenterminals ausgeben. Das Fußballereignis hat einen Bauboom ausgelöst. Davon profitieren hauptsächlich ukrainische Politiker. Millionenschwere Staatsaufträge gingen an handverlesene ukrainische Firmen – ohne öffentliche Ausschreibung. An vielen Firmen sind jene Politiker beteiligt, die auch die Aufträge vergeben.

Die Vetternwirtschaft treibt die Kosten in die Höhe. Infrastrukturprojekte sind um ein Vielfaches teurer als geplant. "Es wurden bereits Milliarden Dollar aus dem Staatshaushalt verschwendet", sagt Ostap Semerak, Parlamentsabgeordneter und Mitglied des Haushaltsausschusses.

Staatsaufträge ohne langwierige Ausschreibung

Ein Regierungsbeschluss vom April 2010 macht es Politikern und Beamten in der Ukraine leicht, Schmiergelder zu kassieren und sich gegenseitig Aufträge zuzuschieben. Seit dem vergangenen Jahr kann die Regierung Aufträge im Zusammenhang mit der EM ohne langwierige Ausschreibungen an handverlesene Firmen vergeben. Dafür stehen 9 Milliarden Dollar aus dem Staatshaushalt zur Verfügung. Semerak sagt: "Aufträge ohne Wettbewerb zu vergeben, macht es leicht, Staatsgelder zu stehlen." Diese Praxis sei notwendig, weil die Vorgängerregierung unter Julija Timoschenko mit den Vorbereitungen im Rückstand war, entgegnet Boris Kolesnikow.

Kolesnikow ist ein Geschäftsmann. Er besitzt mehrere Lebensmittelfabriken und gehört laut der Zeitschrift Korrespondent zu den 50 reichsten Ukrainern. 2005 saß er wegen mutmaßlicher Erpressung im Gefängnis.

Neben Kolesnikow gibt es weitere Geschäftsleute in der Regierung Janukowitsch. Der Minister für Wirtschaft und Handel, Andrej Klujew, soll an mehreren Banken beteiligt sein. Sozialminister Sergej Tigipko ist Miteigentümer einer Versicherungsgruppe, und der Minister für natürliche Ressourcen besitzt – wie passend – Anteile an Stahl- und Erdölunternehmen.

50 Prozent der EM-Kosten trägt der Staat

Auch die Firma Altcom aus Donetsk ist in das Geflecht aus Politik und Wirtschaft verstrickt. Das Unternehmen hat im Zusammenhang mit der EM 2012 Staatsaufträge in Milliardenhöhe abgegriffen. Wenn in der Ukraine Autobahnen, Flughäfen oder Stadien gebaut werden, ist daran meistens Altcom beteiligt. Hinter dem Unternehmen sollen Politiker und Staatsbeamte stehen. Die Firmenstruktur ist unklar, sie soll bis in den mittelamerikanischen Staat Belize reichen.

Ein Paradebeispiel für die Intransparenz und Korruption ist das Stadion in Lwiw (Lemberg). Ursprünglich sollte eine österreichische Firma das EM-Stadion für umgerechnet 190 Millionen Dollar bauen. Das war der Stadt Lwiw aber zu teuer. Die Österreicher sprangen ab, der Auftrag ging an Altcom. Nun kostet das Stadion rund 300 Millionen Dollar.

Kiewer Stadion teurer als das in München

Auch das Kiewer Olympiastadion ist mit 550 Millionen Dollar Baukosten eines der teuersten in Europa. Die Münchener Allianz-Arena mit etwa gleicher Kapazität hat nur 438 Millionen Dollar gekostet. Dabei wurde das Stadion in Kiew nicht wie in München neu gebaut, sondern nur rekonstruiert. Auf die Spitze trieb es die Stadt Charkow, die ebenfalls EM Austragungsort ist. Die Stadtverwaltung hatte für eine Metrostation zehn Holzbänke gekauft. Der Preis einer Holzbank entspricht einem in der Ukraine produzierten Mittelklassewagen: 79.000 Dollar.

Knapp 50 Prozent der EM-Kosten fallen der ukrainischen Staatskasse zur Last. Für die Steuerzahler eine harte Belastung. Die Ukraine war schwer von der Finanzkrise betroffen. Das Land benötigt Geld des Internationalen Währungsfonds und muss Milliardenkredite abstottern.

Doch selbst für die Zeit nach der EM gibt es in der Ukraine schon neue Pläne. Die Stadt Lwiw will sich für die Olympischen Winterspiele 2022 bewerben. Für das Projekt "Olympia-Hoffnung 2022" will die Regierung weitere vier Milliarden Dollar ausgeben.