Die Bundesliga-Partie Köln gegen Mainz am vergangenen Samstag sollte in ein paar Minuten angepfiffen werden, da kam die Nachricht: Schiedsrichter Babak Rafati hatte versucht, sich umbringen , die Partie musste abgesagt werden. Den Suizid hatten Rafatis Assistenten verhindert. Sie hatten ihn rechtzeitig in seinem Hotelzimmer gefunden.

Unmittelbar nach Absage des Bundesligaspiels rief der Deutsche Fußballbund zur Pressekonferenz. Theo Zwanziger zeigte sich gefasst fassungslos. Bis zum Montag erschienen mehr als zweihundert Zeitungsartikel, einige Titelgeschichten und mehrere Fernsehbeiträge über Rafatis Tat. Auch ZEIT ONLINE beschrieb, was geschehen war .

War das alles angebracht, war es pietätlos? Das lässt sich schwer beurteilen. Auch dieser Text kann keine Antworten geben. Aber er kann Fragen aufwerfen.

Wie geht eine (Medien-)Gesellschaft mit dem Thema Selbsttötung um? Begegnet man dem möglichen Werther-Effekt mit Schweigen oder einer Debatte über eben diesen?

In der Richtlinie 8.5 des Pressekodex heißt es: "Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung". Andererseits gilt eine Ausnahme, "wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt."

Aber ist nach dem Fall des Torwarts Robert Enke nun jeder Suizid eines Menschen aus der Welt des Profifußballs ein Fall von öffentlichem Interesse? Oder sind wir – gerade durch Enkes Suizid – inzwischen zu sensibel, wenn es um die Themen Depression und Selbsttötung geht? Müssen wir uns also zurückhalten, oder müssen wir aufklären?

Etwa zwei Jahre liegt Enkes Tod zurück. Er brachte viele Menschen zum Nachdenken. Und zum Reden. In Talkshows, auf Pressekonferenzen, auf dem Fußballplatz und beim Friseur debattierte die Gesellschaft ein sonst verdrängtes Thema.

Die Fußballer Andreas Biermann , Marcus Miller , Martin Fenin und der Trainer Ralf Rangnick verheimlichten ihre Probleme nicht mehr vor der Öffentlichkeit. Eine positive Entwicklung – auch dank der Aufklärung der Medien. Andererseits stieg die Zahl der Suizid-Versuche auf Bahngleisen in den Wochen nach Enkes Tod um das Fünf- bis Sechsfache.

In der Redaktionskonferenz von ZEIT ONLINE haben sich einige Kollegen am Montag dafür ausgesprochen, nicht über den Freitodversuch des Schiedsrichters zu berichten. Zumindest so lange, bis nicht bekannt ist, welche Gründe sein Handeln hatte. In der üblichen Bundesliga-Rückschau kommt das Ereignis deshalb nicht vor.

Andere Redakteure argumentierten, dass es eine Aufgabe der Medien sei, das abzubilden, was die Menschen beschäftigt. Und das sei an diesem Montag eben nicht zuerst Dortmunds Sieg in München . Sondern das Thema Suizid. Schließlich sei am Samstagnachmittag etwas Furchtbares passiert. Nicht im Verborgenen, sondern so, dass kurz vor einem Spiel Tausende Fußballfans wieder nach Hause geschickt werden mussten. Etwas Furchtbares, das eigentlich aus der Öffentlichkeit gehalten werden müsste – ganz öffentlich.

Wie sollte die Gesellschaft damit umgehen?