ZEIT ONLINE: Frau Ellerbrock, seit wann spielen Sie Tennis?

Ellerbrock: Seit meinem 6. Lebensjahr. Rollstuhl-Tennis habe ich 2009 angefangen.

ZEIT ONLINE: Nach Ihrer Erkrankung?

Ellerbrock: Ja. Ich hatte im September 2007 eine Operation. Die Muskelhülle am rechten Unterschenkel ist gespalten worden, weil der Muskel zu groß für die Muskelhülle war. Das hatte ständig zu Schmerzen und teilweise zu Lähmungserscheinungen geführt. Leider hat sich dabei ein Hämatom gebildet. Ich habe nach der erforderlichen Operation ein chronisches Schmerzsyndrom entwickelt. Der weitere Verlauf war dann sehr negativ. Mein Fuß hat sich in einer Sichelform versteift. Inzwischen bewege ich mich so gut wie nur noch im Rollstuhl fort. Deshalb steht für mich auch fest, dass ich mein Bein amputieren lassen werde.

ZEIT ONLINE: Ein radikaler Schnitt.

Ellerbrock: Stimmt, zumal es auch Risiken gibt. Einige raten mir auch ab. Aber es kann sich auch kaum jemand vorstellen, was es bedeutet, ständig Schmerzen zu haben. Ich hoffe, mehr Lebensqualität zurück zu gewinnen. Schließlich könnte ich mich dann zumindest phasenweise wieder mit einer guten Prothese ohne Rollstuhl bewegen und meine Hände wieder frei benutzen.

ZEIT ONLINE: Sie haben schon vor Ihrer Erkrankung Tennis gespielt. Kam da nicht Wehmut auf, als Sie zum ersten Mal auf den Platz rollen mussten?

Ellerbrock: Nein. Mir war wichtig, dass ich überhaupt wieder eine Alternative finde. Vor der Erkrankung hat der Sport quasi meinen ganzen Tagesablauf bestimmt. Ich habe alles Mögliche gemacht: Basketball, Handball, Badminton, Tennis, Surfen, Fußball, Marathonlauf – da wäre es schwer gewesen, etwas zu finden, was vor der Erkrankung keinen Stellenwert hatte. Ich habe lange gebraucht, bis ich das plötzliche Nicht-mehr-laufen-können akzeptiert habe. Gerade den Marathonlauf habe ich immer als sehr befreiend empfunden. Ich fand es sehr seltsam, dass da ein endgültiger Schnitt von außen gesetzt wurde, den man nicht beeinflussen kann.

ZEIT ONLINE: Was ist Ihnen schwerer gefallen, den Ball wieder zu treffen, oder den Rollstuhl über das Feld zu bewegen?

Ellerbrock: Definitiv das zweite. Tennis ist ohnehin schon eine sehr komplexe Sportart. Beim Rollstuhl-Tennis muss man dann auch noch das Fahrgerät beherrschen. Hätte ich allerdings auch noch die Rollstuhl-Schlagtechnik lernen müssen, wäre mir das wohl noch schwerer gefallen. Ich habe mich dafür entschieden, die herkömmlichen Griffe zu spielen, obwohl mir viele gesagt haben, dass ich damit nicht weit kommen werde.

ZEIT ONLINE: Vom Schlag her spielen Sie die Fußgängertechnik?

Ellerbrock: Ja, allerdings kann man sein Körpergewicht nicht so einsetzen, wie als Fußgänger. Da muss man schon aufpassen, dass man da nicht zu früh am Rollstuhl zieht. Das musste ich erst lernen. Früher hatte man mir gesagt, dass ich immer eine Hand am Rollstuhl lassen sollte. Das habe ich jetzt geändert. Wenn ich schlage, sind meine Hände oft komplett vom Stuhl gelöst. Das sind aber Sachen, die daraus resultieren, dass Rollstuhltennis in Deutschland eher unbekannt ist und manche Erfahrungswerte fehlen. Also muss man nach der Trial-and-error-Methode vorgehen.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Zielen sind Sie zum Masters Turnier in Belgien gefahren, dem Höhepunkt der Rollstuhl-Tennis-Saison?

Ellerbrock: Ganz ehrlich, ich wäre enttäuscht, wenn ich jedes Spiel verlieren würde. Es werden ja alle Plätze ausgespielt. Zufrieden wäre ich mit dem Erreichen des Halbfinals. Alles, was dann noch oben drauf käme, wäre sensationell.

ZEIT ONLINE: In den Top 5 der Welt sind vier Niederländerinnen. Weshalb sind die so erfolgreich?

Ellerbrock: In den Niederlanden gibt es mehr Rollstuhl-Tennisspielerinnen. Die besten können öfter miteinander trainieren, weil sie allenfalls zwei Stunden fahren müssen. Hinzu kommt, dass es professioneller organisiert ist. Ich habe bei großen Turnieren noch nie erlebt, dass sie da ohne Trainer auflaufen. Ich muss mich komplett selbst organisieren, weil ich mir es nicht leisten kann, meinen Trainer mitzunehmen – die Ausnahme sind die Grand Slam Turniere oder jetzt das Masters. Das kostet mich aber auch fast 1.000 Euro. Und es geht nur, weil mein Trainer auf seine Tagessätze verzichtet, sich praktisch Urlaub für mich nimmt.

ZEIT ONLINE: Die Preisgelder decken das nicht ab?