Wild Christmas – wo an Weihnachten Fußball gespielt wird – Seite 1

Um die Mittagszeit ist Schluss mit Weihnachtszauber. Für Graham Agg beginnt dann das wahre Leben. Den Anhänger des FC Liverpool und Sekretär des deutschsprachigen Fanclubverbands "German Reds" hält es nicht mehr zu Hause. Graham zieht es nach Anfield. Die "Reds" empfangen in der Premier League den Abstiegskandidaten Blackburn Rovers.

Es ist kein gewöhnlicher Spieltag. Es ist Boxing Day. Die Fans in England freuen sich auf den 26. Dezember und ein volles Programm. Als Dauerkarteninhaber weiß Graham Agg, dass dann von weihnachtlicher Idylle an der Anfield Road nicht viel zu spüren sein wird. Die Pubs rund um das Stadion sind meist schon früh bestens besucht, und die Stimmung ist von riesiger Vorfreude auf "Wild Christmas" geprägt. "In England ist es ganz normal, dass an Weihnachten Fußball gespielt wird", sagt Agg, "eine Winterpause hat es nie gegeben und wird es hoffentlich nie geben".

"Wenn alle die Weihnachtsfeierlichkeiten ausgiebig genossen haben, wird es Zeit für Spitzenfußball und Top-Unterhaltung", sagt der Blogger Damien Cronley, "während die meisten Leute beim Einkaufen das Weihnachtsgeld ausgeben, zieht es die Fußballfans am Feiertag schon deshalb ins Stadion, um dem ganzen Rummel zu entgehen." Graham Agg ergänzt: "Es gibt am Boxing Day nur ein Ritual, nämlich zum Fußball zu gehen." Der Showdown zum Jahresende hat in England einen ähnlich hohe Bedeutung wie das mythische Pokalfinale im Londoner Wembleystadion.

Bis in die fünfziger Jahre wurde sogar am ersten Weihnachtstag (Christmas Day) gespielt. Das legendärste Weihnachtsspiel stieg jedoch am 25. Dezember 1914 in Frankreich. Während des Ersten Weltkrieges schlossen britische und deutsche Soldaten zu Weihnachten ihren eigenen Waffenstillstand und spielten im Niemandsland Fußball – mit einem Einsatz von zwei Fässern Bier und Pudding. Ein unbeschwertes Spiel, am Ende gewannen die Deutschen.

Fast jeder Fußballanhänger in Großbritannien verbindet mit dem Boxing Day eine persönliche Anekdote. Als legendär gilt der Boxing Day 1963 mit einem Torrekord von 66 Treffern in zehn Spielen der First Division. Ipswich Town und Englands späterer Weltmeistertrainer Sir Alf Ramsey kamen damals mit 1:10 beim FC Fulham mit George Cohen und Bobby Robson unter die Räder. Manchester United ging beim FC Burnley mit 1:6 unter.

Auch in unteren Ligen gab es denkwürdige Partien. Am 26. Dezember 1979 schlug Sheffield Wednesday in der Dritten Liga den Stadtrivalen United mit 4:0. Die Partie ging als "Boxing Day Massacre" in die Geschichte dieses Derbys ein. "Zum Boxing Day gab es immer merkwürdige Resultate", erinnert sich der frühere Fulham-Profi Alan Mullery (70), der im WM-Viertelfinale 1970 gegen Deutschland ein Tor schoss, "man konnte von diesen Spielen nie genug bekommen."

Die Fans würden kaum akzeptieren, wenn der Boxing Day gestrichen würde.



Sportlich markiert der Boxing Day oft einen Scheideweg. Der frühere Arsenal-Spieler Lee Dixon sagt: "Die Weihnachtszeit ist durch die hohe Belastung tückisch für die Stars." Das gilt besonders für die Titelkandidaten. Bis zum 3. Januar müssen Manchester City, Tottenham Hotspur und der FC Chelsea jeweils vier Spiele absolvieren. Die "Citizens" reisen an Weihnachten zu West Bromwich Albion. Der FC Chelsea empfängt den FC Fulham. Manchester United hat gegen Wigan Athletic Heimrecht, wobei Arsenal und Per Mertesacker erst am 27. Dezember gegen die Wolverhampton Wanderers ran müssen.

Der Terminstress und die hohe Spielfrequenz rund um den Boxing Day rufen allerdings der Kritiker auf den Plan. Ab dem Boxing Day stehen in vierzehn Tagen vier Partien auf dem Spielplan. Schwerstarbeit für die Spitzenclubs und Sicherheitskräfte. Zu den Befürwortern einer Winterpause (analog zu der auf dem Kontinent) gehören die beiden dienstältesten Trainer der Premier League, Sir Alex Ferguson (69) von Manchester United und Arsene Wenger (62) vom FC Arsenal. "Die Weihnachtsspiele symbolisieren den Charme und die Verrücktheit des englischen Fußballs", sagte Arsene Wenger der Zeitung The Independent, "ich mag sie, aber der Rest der Welt macht nun mal Pause."

Eine Winterpause könnte den Boxing Day bedrohen. Doch obwohl der Spieltermin an Weihnachten in der Premier League mit ihren hochbezahlten Stars und den gigantischen Fernsehverträgen wie ein Relikt wirkt, scheint es im traditionsbewussten England unmöglich, ihn aus dem Programm zu nehmen. "Die Fans würden diese Änderung nie akzeptieren", sagt Damien Cronley, "weil es Teil der englischen Fußballkultur ist, an diesem Tag ins Stadion zu gehen oder die Spiele im Fernsehen zu verfolgen."

Der Autor Mark Young, Fan von West Bromwich Albion, wird sich die Partie seiner "Baggies" gegen den übermächtigen Liga-Primus Manchester City anschauen. Young liebt die Magie des Fußballfeiertages. "Am Boxing Day 1967, in der Glanzzeit der Beatles", sagt er, "habe ich das schönste aller Weihnachtsgeschenke bekommen und zum ersten Mal ein Fußballspiel besucht." Stolz verweist Young auf den 3:2-Erfolg von West Bromwich gegen den späteren Meister Manchester City.

"Ein Erfolg von West Brom in diesem Jahr würde sicher wieder für dicke Schlagzeilen sorgen", sagt Young, "aber es braucht ein Weihnachtswunder, denn unsere Abwehr ist noch langsamer als der Korruptions-Untersuchungsausschuss der Fifa."