ZEIT ONLINE: Der wissenschaftliche Beirat des Forschungsprojektes behauptet, dass es keine Hinweise auf moralisch verwerfliche Handlungen oder Entscheidungen Diems gebe. Wie erklären Sie sich, dass dieses Gremium, besetzt mit etablierten Forschern, gänzlich andere Schlüsse aus Ihrer Studie zieht?

Becker: Der Deutsche Olympische Sportbund hat den Beirat eingesetzt. Dabei hat man nicht beachtet, wie voreingenommen einige Mitglieder waren. Der Leiter etwa ist ein alter Diem-Schüler, Ommo Grupe, der als Diem-Verehrer bekannt ist. Der Projektleiter, Michael Krüger, hat Diem ebenfalls stets verteidigt. Angesichts der jahrzehntelangen, erbittert geführten Debatte um Diem hätte der DOSB darauf achten müssen, dass dieses Gremium ausgewogen besetzt ist.

ZEIT ONLINE: War Ihnen vorher klar, mit wem Sie es zu tun bekommen?

Becker: Ich bin Historiker und kein Sportwissenschaftler. Die Feinheiten, wer da welche Position in der Diem-Debatte vertritt und wer da mit wem kungelt, waren mir anfangs nicht bekannt. Ich bin davon ausgegangen, dass ich, wie vom DOSB angekündigt, unabhängig und ergebnisoffen arbeiten kann.

ZEIT ONLINE: Gab es Versuche, auf Ihre Forschung Einfluss zu nehmen?

Becker: Mir wurde, natürlich nur in mündlicher Kommunikation, immer wieder deutlich gemacht, dass eine apologetische Darstellung erwartet wird. Ich habe das als Meinungsäußerung abgetan und bin unbefangen an die Arbeit gegangen.

ZEIT ONLINE: Diem-Anhänger führen ins Feld, dass dessen Ehefrau Liselott aus einer jüdischen Familie stammt. Wie kann Diem da Antisemit gewesen sein?

Becker: Die Antisemitismusforschung unterscheidet zwischen dem eliminatorischen Antisemitismus der NS-Zeit und dem Antisemitismus in wilhelminischer Tradition. Letzteren habe ich bei Diem festgestellt. Antisemiten solcher Prägung waren oft mit assimilierten Juden befreundet oder verbandelt. Ein Großelternteil von Liselott Bail war jüdisch, die Familie aber war hochgradig angepasst. Die Eltern waren fromme Protestanten, der Vater war preußischer Staatsbeamter.

ZEIT ONLINE: Von Seiten des Beirats hieß es, Sie hätten unwissenschaftlich gearbeitet. Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?

Becker: Der Vorwurf ist nicht vom Beirat, sondern nur von Grupe und Krüger gekommen. Er ist die Retourkutsche dafür, dass ich mich der Apologie verweigert habe.