Die Skispringerinnen kämpfen um Anerkennung – Seite 1

Sie stecken in diesen quietschbunten, wattierten, unfassbar steifen Anzügen. Die Köpfe behelmt, schnellen sie die Schanze herunter, fliegen durch die Luft, ihre Skier zum V geformt. Erst eine Gruppe, dann die andere, dann noch ein Durchgang. Die einen landen etwas weiter als die anderen, ansonsten keine Unterschiede. Scheinbar. Die einen sind Männer, die anderen Frauen.

Es war ein historischer Moment, als am 3. Dezember 2011 in Lillehammer die Weltcup-Saison der Skispringer begann: Zum ersten Mal durften auch Frauen mitspringen, zum ersten Mal standen Männer und Frauen im Rampenlicht, zum ersten Mal wurde beider Wettkampf im Fernsehen übertragen. Die US-Amerikanerin Sarah Hendrickson, gerade einmal 17 Jahre alt, gewann das Auftaktspringen. Doch am Freitag, bei der Weltcup-Premiere in Schonach im Schwarzwald, und beim zweiten Springen gleich zwei Tage später in Hinterzarten werden erstmals auch die deutschen Springerinnen in den Fokus rücken, werden ihre Geschichte erzählen können.

Die 21-jährige Melanie Faißt aus Baiersbronn etwa, die in Lillehammer Dritte wurde. Oder Ulrike Gräßler, die auf dem elften Platz landete. "Mir gratulierten jetzt mehr zu meinem elften Platz als vorher, wenn ich Zweite geworden bin", sagt Ulrike Gräßler, mit 24 Jahren schon eine der erfahrensten und ältesten im deutschen Frauenteam. Es war fast, als hätte ihre gesamte Sportlerkarriere zuvor nicht stattgefunden.

Zuvor, das ist der jahrelange Kampf um Gleichberechtigung, ums finanzielle Überleben. Da ist die Zeit, in der Damen-Skispringen nicht nur von der Öffentlichkeit ignoriert, sondern auch sportlich und institutionell klein gehalten wurde. Ohne Weltcup, ohne Olympia-Teilnahme. Es war am Schluss die einzige olympische Disziplin, in der nur Männer starten durften. Die Damen durften ein paar Continental-Cup-Sprünge (COC) absolvieren. COC, das war der höchste Wettkampf, den sie hatten; bei den Männern startet da nur die B-Klasse. 2009 gab es dann die erste Weltmeisterschaft, immerhin.

Dabei hatten sie weltweit so dafür gekämpft, dass ihr Sport olympisch wird. Dass das Internationale Olympische Komitee ( IOC ) einen Unterschied machte, das verstanden sie nicht. Sie hatten schließlich von Anfang an mit Jungs trainiert, überholten ihre jüngeren Brüder. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn zu denken, sie seien schlechter, gar untauglich fürs Skispringen.

Es seien zu wenig Länder vertreten, hieß es – obwohl es in anderen olympischen Exotensportarten weit schlechter aussah. Es klang alles irgendwie fadenscheinig. Der Präsident der FIS, der Schweizer Gian-Franco Kasper, war aus "medizinischen Gründen“ dagegen. Er soll auch einmal gesagt haben, beim Springen könne die Gebärmutter verletzt werden.

Die Reaktionen der Springerinnen auf diese Sprüche waren eindeutig – sie können sich nicht vorstellen, dass jemand so etwas ernst meinen könnte. Kasper wird im Januar 68 Jahre alt, zwischen ihm und den Frauen liegen mehrere Generationen. Die nordamerikanischen Springerinnen schimpften gegen die "alten europäischen Männer“, die "Taliban von Olympia“. Sie richteten eine Facebook-Seite ein, organisierten eine internationale Petition gegen den Skiverband FIS, klagten wegen Gender-Diskriminierung vor dem Obersten Gerichtshof Kanadas , legten Berufung ein, alles umsonst. Zunächst.

Am 6. April 2011 kam dann die offizielle Mitteilung vom IOC. Die Frauen dürfen auch bei den Olympischen Spielen starten, erst bei den Jugendspielen 2012 in Innsbruck , zwei Jahre später dann in Sotschi . Man habe überlegt, erklärte das Komitee , welche zusätzlichen Sportarten die "Geschlechtergerechtigkeit“ bei Olympia verbessern würden. Es muss wie Hohn geklungen haben für die Springerinnen.

Allein der Stempel "olympisch“ ändert nun vieles. Vom Deutschen Olympischen Sportbund und der Sporthilfe kommen Fördergelder, die TV-Übertragungen locken Sponsoren an – fürs Team wie für einzelne Sportlerinnen. "Es ist jetzt auf einmal Geld da“, sagt Daniel Vogler, elf Jahre lang Nationaltrainer der Frauenmannschaft. Es gibt zum ersten Mal einen fest angestellten Trainer, eine feste Physiotherapeutin, einen Techniker.

"Gleich" sieht anders aus

Auch die Preisgelder haben sich verbessert . Statt der ersten drei bekommen nun die ersten 15 etwas ab, und statt 250 Euro für die Siegerin sind es nun immerhin über 2.000 Euro der insgesamt etwa 15.000 Euro Preisgeld. Bei den Männern bekommt der Erstplatzierte fast das Vierfache.

Immerhin können die Frauen in Zukunft Sportsoldaten werden und so nebenbei studieren. Wie alle anderen, deren Sportart bei den Olympischen Spielen vertreten ist. "Sie können jetzt bei der Bundespolizei angestellt werden, bekommen jeden Monat ein festes Gehalt“, sagt Daniel Vogler. Er riet seinen Schützlingen vorher regelmäßig, "einen richtigen Beruf zu ergreifen, weil Frauen vom Skispringen einfach nicht leben konnten".

Auch für ihn hat sich mit der Entscheidung im April einiges geändert. Vogler, der als Nationaltrainer die Damenmannschaft bei ihren Kämpfen unterstützt hat, ist nicht mehr Nationaltrainer. Er hatte das immer nur auf Honorarbasis gemacht, neben seinem Hauptberuf als Angestellter der Stadt Oberstdorf . Der Deutsche Sportverband berief Andi Bauer, mehrfacher Deutscher Skisprungmeister und lange Trainer der Herrenmannschaft der Nordischen Kombinierer, zum ersten hauptamtlichen Nationaltrainer der Damen. "Damit hat der DSV Zeichen gesetzt“, sagt auch Vogler.

Dennoch, es sind die kleinen Dinge, die signalisieren, was noch alles passieren muss, in den Köpfen der Macher. Auf der Homepage des Internationalen Skiverbandes FIS finden sich die aktuellen Ranglisten – die vom Weltcup der Frauen fehlt. Und das kleine Umfrage-Tool, bei dem man abstimmen kann, wen man als Top-Favoriten in der Saison 2011/2012 sieht, lässt den Fans der Skispringerinnen nur eine von sechs Anklick-Optionen: "andere“.

"Gleich" sieht anders aus. Institutionen, Sponsoren, Fans – sie alle müssen sich an die neue Situation gewöhnen. "Mir war immer bewusst, dass ich nicht mehr aktiv mitbekommen werde, dass Damen-Skispringen und Herren-Skispringen gleichwertig sind“, sagt Ulrike Gräßler. Und: "Ich war es leid, immer Stellung dazu zu nehmen, warum unser Sport nicht olympisch ist."

Das muss sie jetzt nicht mehr. Sie wollte die ganze Zeit einfach nur ihren Sport ausüben. Wie die Männer.