Tuvia Tenenbom auf dem Ergometer © privat

Ich habe gute Freunde, ob Sie es glauben oder nicht. Leute, denen ich wirklich wichtig bin. Diese Leute raten mir ausnahmslos zu einem Besuch im Fitnessstudio. Sport ist gesund, sagen sie. Manche gehen sogar so weit, zu behaupten, dass Sportstudios die Treffpunkte der schönsten Frauen der Stadt seien. Zum Beweis emailen sie mir vielversprechende Fitnessstudio-Witze mit Bildern von wunderschönen "Babes". Diesen hier zum Beispiel:

"Ich trainierte gerade im Fitnessstudio, als ich ein hübsches, junges Ding erblickte (hier folgt ein Bild des jungen Dings). Ich fragte einen Trainer, der in der Nähe stand: 'Welche Maschine soll ich benutzen, um das süße Ding dort zu beeindrucken?' Der Trainer sah mich an. 'Den Geldautomaten im Foyer', sagte er.

Nicht gerade überzeugend, oder? Warum Sport, wenn’s nur um Geld geht?

Als ich allerdings heute in der Rushhour die Straße entlanglaufe, kommt David auf mich zu. Wir kennen uns nicht, aber er scheint mich trotzdem zu mögen. "Hey, Dicker", sagt er, "ich hab da was für dich!" Lange Rede, kurzer Sinn: Er bietet mir eine Probemitgliedschaft im Bally Sports Club an.

Ich betrete den Club.

Es ist rappelvoll, voller noch als auf dem Tahrir Platz. Ganz ehrlich. Und jeder hier macht Sport. Es gibt keine Fenster, aber überall Spiegel. Was auch immer man macht, an welcher Maschine auch immer man arbeitet – man kann sich dabei im Spiegel anstarren und sieht, wie großartig man aussieht. Vergessen Sie die Babes, hier geht es ausschließlich um Sie!

Der einzige Unterschied zum Tahrir Platz ist, dass man hier nicht miteinander kommuniziert. Aber nicht, dass es hier leise wäre. Ganz im Gegenteil. Musik dröhnt, hauptsächlich Hip-Hop und Rap, und auf den Fernsehern über den Spiegeln laufen irgendwelche Sportsendungen. Hier hätte keine Maus mehr Platz, aber wundersamerweise entdecke ich ein freies Trainingsrad und steige schnellstens in den Sattel.

Es hat eine Art Armaturenbrett mit tausend Knöpfen. Ich drücke einen, auf dem steht: " Race on ". Ich habe keine Ahnung, gegen wen ich antrete, schließlich redet man hier nicht miteinander, aber nichtsdestotrotz schieße ich aus den Startblöcken. Es dauert nicht lange und ich gerate in eine Art Ekstase, fast eine Vision: Plötzlich sitzt der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad auf dem Rad neben mir. Ich habe meinen Gegner! Race on, baby!

Ich liebe es! Für jeden Gang, den Mahmud hochschaltet, lege ich noch einen drauf. Je schneller Mahmud trampelt, desto schneller trete ich. Wir haben ein richtiges Rennen! Mahmud flüstert mir mit Atomgeschwindigkeit Sätze ins Ohr:

- Sie wissen nicht, was kommt!
Wie bitte?
- Sie wissen es nicht!
(Ich trete schneller in die Pedale und frage:)
Wer?
- Das bleibt unter uns!
Okay.
- Beachtliche Geschwindigkeit!
(Ich sehe auf das Armaturenbrett.)
Ja. Ich habe zwei Kalorien verloren!
- Kalorien?
Ich fühle mich schon viel leichter.
- Es fliegt schnell!
"Es"?
- Psst. Nicht so laut, sonst hören sie uns!
Wer?
- Sie!
Sind "sie" hier?
- Siehst du sie nicht? Sie wollen uns aufhalten!
(Ich prüfe noch einmal den Kalorienzähler.)
Mich hält niemand auf! Ich habe schon wieder zehn Kalorien verloren!
- Wir verlieren nie!
Was redest du da? Ich bin hier, um zu verlieren!
- SIE können meinetwegen verlieren – wir aber legen zu!
Du bist hier, um zuzulegen?
- Natürlich!
An diesem Ort soll man Gewicht verlieren, nicht zulegen!
- Gewicht? Welches Gewicht?
Ich bin recht dick.
- Ich nicht!
Das sehe ich.
- Leicht, nicht dick!
Das bist du, ja.
- Nicht ich – "Es"!
Wer ist "Es"?
- Es ist leicht und es fliegt.
Wer ist leicht und fliegt?
- Wenn es landet, werden wir alle so dünn, dass wir fast verschwinden.
Sprichst du von ...
- Still!
(Er fährt jetzt im siebten Gang. Ich liefere ihm ein Rennen. Ich atme schwer. Ich verliere Kalorien, als gäbe es kein Morgen. Schon 77! Ich bin so aufgeregt, dass ich schreie:)
Ich bin leicht und fliege!

Mahmud antwortet nicht. Ich rase weiter, ich habe einen Lauf. Ich checke das Armaturenbrett: schon eine halbe Meile. Ich sehe mich nach Mahmud um, aber er ist nicht mehr da. Nicht nur er; etwa die Hälfte der Leute ist verschwunden.