Birgit, Du warst keine Barbie – Seite 1

Liebe Birgit,

ein letztes Mal wirst Du heute das Trikot der Nationalmannschaft tragen, Dein Abschiedsspiel. Ich werde zuschauen. Und schlucken. Und kämpfen, gegen die Tränen.

Glaub mir, Birgit, ich kenne mich mit Rücktritten aus. Rücktritte tun weh, aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei.

Liebe Birgit, bitte wundere Dich nicht. Vielleicht hast Du Angst, dass meine Liebeserklärung wieder diese blöden Vorurteile bedient. Du weißt schon, Frauenfußball und Mannsweiber und so. Das ist mir egal. Wirklich. Dafür bist Du mir zu wichtig. Jogi hat einen festen Platz in meinem Herzen. Aber wahre Liebe gibt es nur unter Frauen.

Birgit, Du hast mehr für den Fußball getan als Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Lothar Matthäus zusammen. Du warst so gut, dass du mit 15 Jahren schon in der Bundesliga gespielt hast, mit Ausnahmegenehmigung. Weil du eine Ausnahme bist. Zwei Jahre später spieltest Du schon in der Nationalmannschaft. 214 Spiele, 128 Tore. Wenn ich diese Zahlen lese, bekomme ich Gänsehaut.

Du warst kräftig, stürmisch, fast ein wenig grob. Dein Spiel war nicht immer schön, aber ehrlich. Und es passte zu Dir. Du warst eben keine Barbie. Dafür liebe ich Dich besonders.

Irgendwann haben Sie dann doch eine Barbie-Puppe von Dir gebastelt, mit langen, schlanken Barbie-Schenkeln und einem Barbie-Gesicht. Ich schämte mich, Du konntest nur lachen. Weil Du wusstest, dass wahre Schönheit nur von innen kommt.

Am stärksten warst Du nicht auf dem Platz, sondern daneben. Du wähltest Deine Worte mit Bedacht, warst klug und aufrichtig. Du wolltest nie berühmt werden, machtest Dir nichts aus Geld und Ruhm. Das sagtest Du immer ganz ehrlich. Das bewundere ich.

Ich habe Dich beobachtet, wenn Du mal wieder den Goldenen Ball bekamst, weil Du zur besten Spielerin der Welt gewählt wurdest. Auf dieser Bühne zwischen den Zidanes und Ronaldinhos wirktest Du immer, als würdest Du Dich am liebsten auf der Toilette einsperren und erst wieder rauskommen, wenn auch der letzte Smoking mit Fliege nach Hause gegangen ist. Manchmal wolltest Du nicht einmal hinfahren, nach Zürich, zur Fifa-Gala. Birgit, alles war richtig, so wie es war. Hätte ich gekonnt, ich hätte Dich damals in den Arm genommen und ganz fest gedrückt.

Der ehrlichste Moment im verlogenen Sportgeschäft

Ich erinnere mich auch an diese Pressekonferenz während der WM 2011. Spätestens in diesem Moment wusste ich, dass ich Dich nie vergessen werde. Die WM sollte der krönende Abschluss Deiner großen Karriere werden. Aber Du sagtest, Du könntest der Mannschaft nicht helfen. Du sagtest, Du seist dem Druck nicht gewachsen. Es war der ehrlichste Moment, den ich in diesem verlogenen Sportgeschäft miterlebt habe. Schon damals musste ich schlucken. Und gegen die Tränen kämpfen. Ich selbst hatte nie die Kraft, so ehrlich sein.

Im Nachhinein mache ich mir einige Vorwürfe. Wir haben Dir zum Abschied diese Bühne gebaut, auf der alle sahen, wie du scheitertest. Aber Birgit, Du bist ja Psychologin, Du musst verstehen, dass die Jüngeren, denen Du den Weg geebnet hast, diese Bühne brauchen. Ich hoffe, Du kannst mir verzeihen.

Liebe Birgit, weißt Du noch damals, 2001, als Du dieses Tor geschossen hast, das Tor des Monats? Du bekamst den Ball am Strafraumeck, und hast ihn in den Winkel gezirkelt. Mit mehr Gefühl im Fuß als andere im Herzen. Es war nur eines der 128. Ich habe es aufgezeichnet, es ist so schön. Ich schaue es immer wieder an, vor Deinem Abschiedsspiel, und danach auch. Birgit, ich bin Dir so verbunden. Wenn all meine Tränen getrocknet sind, wird ewige Dankbarkeit bleiben.

In Liebe
Thea Sechzehner