Als es um die Sache mit dem Minirock geht, schüttelt Azize Nimani den Kopf. Nachdem klar war, dass Frauenboxen in London erstmals olympisch wird, fiel einzelnen Funktionären der International Boxing Assocation (AIBA) nichts anderes ein, als den Minirock im Ring zu fordern. Eine Frechheit – dachten viele Amateurboxerinnen. Die dreifache Weltmeisterin Katie Taylor hatte gedroht, bei Rockzwang nicht an den Olympischen Spielen teilzunehmen. "Wer boxt, braucht Boxhandschuhe, einen Kopfschutz und einen Mundschutz", sagt Azize Nimani. Keinen Rock.

Die deutsche Boxerin will bei den Spielen von London eine Goldmedaille gewinnen, als Amateurboxerin. Die Welt der Profis ist ihr zuwider. Die berühmteste deutsche Boxerin, Regina Halmich, konnte "einfach nicht gut boxen", sagt Nimani. Und das ganze Drumherum ist auch nicht ihre Sache. "Man muss gut aussehen, im Minirock boxen, am besten einen deutschen Namen haben oder eine krasse Geschichte erzählen – sonst lässt sich Frauenboxen nicht verkaufen." Nimani ist ein albanischer Nachname, aber ihre Geschichte ist tatsächlich krass.

Azize ist Beidauslegerin, schlägt mit links und rechts

Bis 1997 lebte Azize in der kosovarischen Stadt Mitrovica, dann begannen die Auseinandersetzungen zwischen der serbischen Armee und der UCK-Miliz. Azizes Familie hatte Glück, als Azize sechs Jahre war, wurde sie im Auto über die Grenze geschmuggelt. Mit ihren Eltern und acht Geschwistern wuchs sie in Bielefeld auf.

Azize spielte Fußball, ihr Bruder boxte. Zufällig ergab sich am Rand eines Kampfes ihres Bruders die Gelegenheit, gegen ein anderes Mädchen anzutreten. "Ich wollte das im ersten Moment nicht, man will sich ja nicht ins Gesicht schlagen lassen", sagt sie. Mit dem Mundschutz und den Schuhen ihres Bruders stieg sie doch in den Ring und besiegte ihre Gegnerin. Das war der Anfang. Jetzt will Azize Gold.

Seit Anfang März steht fest: Frauen dürfen in London Miniröcke tragen, müssen es aber nicht. Das ist ein Kompromiss. Azize ist froh darüber. Wenn man sie so reden hört – im Kapuzenpulli mit lässiger Bommelmütze über der blonden Wuschelfrisur –, wenn sie sagt, dass sie besser boxt, international erfolgreicher und körperlich fitter ist als ihre Konkurrentinnen, könnte man meinen, neben einem kleinen großmäuligen Mädchen zu sitzen, das den üblichen kompetitiven Sportsprech ein bisschen überreißt. Doch der Eindruck täuscht.

Azize lebt für das Boxen. Mit siebzehn zog sie mit ihrem Bruder, dem Profiboxer, der bisher alle Kämpfe gewonnen hat und internationaler deutscher Meister im Halbmittelgewicht ist, nach Berlin, um beim Boxring Eintracht Berlin zu trainieren. Das ist knapp fünf Jahre her, später schaffte sie es in den National-Kader der Amateurboxerinnen.

Azize ist ein Naturtalent, sagt ihr ehemaliger Trainer Torsten Schmitz, der auch schon Regina Halmich betreute. Azize ist Beidauslegerin, sie schlägt mit rechts genauso gut wie mit links. Eine Ausnahme, die sie für Gegnerinnen doppelt gefährlich macht. Nach vier Wochen in Berlin wurde sie 2008 Deutsche Jugendmeisterin und wurde als beste Technikerin des Turniers ausgezeichnet. 2009 verteidigte sie ihren Titel bei den Junioren und gewann 2010 erstmals die deutsche Meisterschaft bei den Frauen in der Gewichtsklasse bis 54 Kilogramm. Bis jetzt ist Azize die einzige deutsche Amateurboxerin, die bei einem internationalen Wettbewerb Gold gewinnen konnte. Im November 2011 stand Azize bei einem Testturnier für die drei olympischen Gewichtsklassen in Los Angeles im Ring, zwei Kämpfe gewann sie nach Punkten und verlor einen knapp.