ZEIT ONLINE: Herr Arnesen, Sie waren an einer Demütigung des deutschen Fußballs beteiligt, dem 2:0-Sieg Dänemarks über die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 1986.



Frank Arnesen: Schönes Spiel, in dem ich allerdings kurz vor Schluss Lothar Matthäus eine mitgab und die Rote Karte sah. Unser Trainer, Sepp Piontek, war ein Deutscher, wollte das Spiel unbedingt gewinnen. Die Deutschen nahmen es nicht so ernst, denn durch die Niederlage erwischten sie die leichteren Gegner und kamen ins Finale. Clever. Wir Dänen schieden im Achtelfinale gegen Spanien aus.


ZEIT ONLINE: Die vielen HSV-Niederlagen in dieser Saison entsprechen aber wohl keiner Strategie.



Arnesen: Nein, da hört der Spaß auf.


ZEIT ONLINE: Als Teil von Danish Dynamite, einem Underdog, der mit Teamspirit überraschte, muss es Ihnen doch wehtun, mit wie wenig Inspiration Ihr Team zu Werke geht.


Arnesen: Mannschaften wie Freiburg und Augsburg leisten zurzeit tatsächlich als Kollektiv mehr als wir. Aber ich verteidige und glaube an meine Spieler. Alle wissen jetzt, dass uns sieben Endspiele bevorstehen.



ZEIT ONLINE: Wie soll man das glauben? Die Mannschaft hat aus fünf Spielen einen Punkt geholt und oft wenig Engagement an den Tag gelegt.



Arnesen: Beim letzten Spiel in Wolfsburg habe ich einen Sprung nach vorne gesehen. Aber ich gebe zu, zwischendurch haben wir nachgelassen. Nach dem Unentschieden in Gladbach Ende Februar standen wir auf Platz Acht, zumindest für eine Nacht. Das hat wohl einige getäuscht und leichtsinnig gemacht. In dem Moment haben wir eins vergessen: Du erhältst nie Geschenke. Siege musst Du erkämpfen. Das muss im Training anfangen, Samstag um halb vier ist es dafür zu spät.



ZEIT ONLINE: Wissen alle um die Bedeutung dieses Vereins für die Leute in der Stadt und der Region? Im Falle des Abstiegs werden Männer weinen.



Arnesen: Ja, ich weiß, was Fußball den Menschen wert ist. Ich habe das Glück gehabt, immer in großen Vereinen zu arbeiten. Mit dem FC Valencia bin ich als Spieler fast mal abgestiegen, das letzte Spiel war eine Nervenschlacht. Hamburg hat viel Tradition, ist seit 1963 immer in der Bundesliga. Kein anderer Verein hat das geschafft. Das muss so bleiben.



ZEIT ONLINE: Sie wirken gelassen, aber wie fühlen Sie sich mit der Aussicht, für einen HSV-Abstieg mitverantwortlich zu sein?



Arnesen: Ich schlafe schon mal ein wenig kürzer und stürze mich in die Arbeit, rede täglich mit Spielern und dem Trainer. Priorität Nummer Eins hat derzeit die Profimannschaft, alles andere steht hintenan, etwa Kaderplanung und Nachwuchskonzept. Wir sind in einer sehr, sehr ernsten Situation. Dennoch gilt es, die Ruhe zu bewahren.



ZEIT ONLINE: Wo liegen die Ursachen des Misserfolgs?



Arnesen: Wir haben eine erneuerte Mannschaft, die Ordnung und Hierarchie noch immer entwickelt. Dazu die Trainerwechsel und die vielen Aufs und Abs während der Saison: erst im Keller, dann ins Mittelfeld, dann wieder runter. An den technischen Möglichkeiten unserer Spieler hapert es nicht, aber momentan merkt man einigen an, dass es sie mental mitnimmt.



ZEIT ONLINE: Sie sind als Sportchef für die langfristige Entwicklung des Vereins verantwortlich. Welche Ihrer Entscheidungen würden Sie im Rückblick anders machen, welche Fehler lasten Sie sich an?



Arnesen: Wir sind Drittletzter, nicht Dritter. Da kann ich nicht von mir behaupten, dass ich alles richtig gemacht habe. Sicher habe ich Fehler gemacht, aber ich weiß, was ich kann. Mich sollen andere beurteilen. Ich schaue nie zurück.



ZEIT ONLINE: Hätten Sie nicht verhindern müssen, mit Michael Oenning als Cheftrainer in die Saison zu gehen?



Arnesen: Ich will ihn ein bisschen verteidigen. Er hatte eine neue Mannschaft, zum Beispiel einen neuen Torwart, eine neue Verteidigung. Wir mussten sparen, dementsprechend ausgedünnt war sein Kader. Außerdem hatte er ein schweres Auftaktprogramm.



ZEIT ONLINE: Der HSV hat noch immer eine der zehn teuersten Mannschaften der Liga . Damit muss man nicht auf einem Abstiegsplatz stehen, mit Oenning war der HSV Letzter.

Arnesen: An dem Punkt musste ich ihn entlassen, ich erhielt Signale aus der Mannschaft.



ZEIT ONLINE: Der neue Trainer, Thorsten Fink, lässt sehr offensiv spielen. Das ist an und für sich gut, aber ist das im Abstiegskampf die richtige Strategie?



Arnesen: Ich mag seine Idee von Fußball. Aber man kann offensiv spielen und das Risiko dennoch etwas reduzieren. Thorsten Fink weiß das.

ZEIT ONLINE: Er war Ihr Wunschtrainer. Ist er das noch immer? Wird er das auch im Fall des Abstiegs sein?



Arnesen: Thorsten Fink ist und bleibt der Trainer, mit dem ich arbeiten will. Er steht für modernen Fußball. Er hat die Mannschaft sofort besser gemacht. Momentan gibt es Rückschläge. Ich bin sicher, dass er sich durchsetzen wird.



ZEIT ONLINE: Sie müssen auch auf Mladen Petric bauen. Es ist bekannt, dass er Liebe und Sonnenschein benötigt. Nun haben Sie ihm kürzlich mitgeteilt, dass sein Vertrag ausläuft. Muss man Petric in einer solchen Situation nicht fürsorglicher behandeln?



Arnesen: Wir haben uns nach klarer Absprache mit seinem Berater auf eine Trennung geeinigt, so ist das Geschäft. Ich erlebe Petric hochmotiviert. In Wolfsburg hat er in der Pause die Mannschaft um sich versammelt. Er gibt alles, hat momentan einfach Pech.