In Charkiw ist die Gefahr gering, dass sich die Menschen vor den Gefängnismauern versammeln und für Timoschenkos Freiheit demonstrieren. Dennoch könnte sich der Präsident verrechnet haben. "Für Janukowitsch und seine Clique wird die Luft auch hier immer dünner", sagt Zhadan. "2004 kamen die orangenen Revolutionäre vom Westen nach Kiew . Die nächste Revolution in der Ukraine geht vom Osten aus", sagt der Schriftsteller voraus und fügt hinzu: "Die Menschen sehnen sich nach echter Veränderung. Ob Timoschenko oder Janukowitsch, das ist ihnen inzwischen fast egal. Die gesamte politische Klasse hat sich disqualifiziert. Wir haben eine vorrevolutionäre Situation", sagt er zum Abschied.

Die enttäuschten Blicke in der Metro, die vom Freiheitsplatz stadtauswärts fährt, sprechen Bände. Seit der Weltfinanzkrise von 2009 geht es in der Ukraine wirtschaftlich steil bergab. Im vergangenen Herbst kürzte die Regierung die Renten und die Sozialhilfen für Invalide. Tausende Alte und Kranke gingen damals auf die Straße oder traten in Hungerstreiks – auch im Osten des Landes. Dabei ist die Lage in der EM-Stadt Charkiw mit ihrem nagelneuen Flughafen, der Rüstungs-, Elektro- und Chemieindustrie sowie den 42 Universitäten und Hochschulen noch vergleichsweise gut.

Dennoch fristen die Menschen in den Vororten in zerfallenen Plattenbauten ein karges Dasein. Schon an der U-Bahn-Station Malyschew-Werk, einige hundert Meter vom EM-Stadion entfernt, beginnt ein ausgedehntes Industriegebiet. Eine Panzerschmiede ist dort ansässig. Nur wenig weiter südlich ragen inmitten von Fabrikruinen graue Häuserblocks auf. Tanklaster beliefern die Bewohner mit Trinkwasser, weil das Leitungssystem marode und das Wasser aus dem Hahn giftig ist. Auf einem staubigen Bolzplatz spielen einige Jungs Fußball.

Der zwölfjährige Sascha trägt ein Trikot der ukrainischen Nationalmannschaft. Wer wird Europameister? "Naschi", ruft er sofort zurück. "Unsere". Er kommt kurz an die imaginierte Torauslinie gelaufen und will wissen, woher der fremde Zuschauer stammt. "Sehen Sie", sagt er dann, "wir gewinnen 2:1 im Finale gegen Deutschland." Vor der tristen Häuserkulisse klingt der Endspieltipp nach einer Hoffnung, hinter der mehr steckt als nur der Traum vom Sieg in einem Fußballspiel.