Die Wege, die zu Andrij Sadowij führen, sind düster. In die langen Korridore des mächtigen Lemberger Rathauses dringt nur wenig Tageslicht. Kinderzeichnungen an den farblosen Wänden sollen ein wenig Fröhlichkeit in die Amtsstuben zaubern. Doch der Polizist, der das Büro des Bürgermeisters bewacht, schaut ebenso mürrisch wie Sadowij selbst.

Ob es an den Schwierigkeiten liegt, die der Spielort Lemberg – ukrainisch Lwiw – mit der Vorbereitung auf die Fußball-Europameisterschaft hat? Die Preise für Unterkünfte sind in die Höhe geschnellt, die Infrastruktur ist marode, auch von Sicherheitslücken ist die Rede. Offiziell will Sadowij von solchen Problemen nichts wissen. "Der Flughafen, das Stadion, die Hotels – alles ist in bester Ordnung", lautet seine Devise. "Fangewalt gibt es hier auch nicht", ergänzt er im Gespräch.

Dabei hatten sich in Lemberg im Herbst 2010 Hooligans des Gastgebers Karpati Lwiw mit Randalierern von Borussia Dortmund Straßenschlachten geliefert. Und es ist ausgerechnet die deutsche Nationalelf, die im Sommer gleich zweimal in der 750.000-Einwohner-Stadt am Fuße der Karpaten gastiert – gegen Portugal am 9. Juni und gegen Dänemark am 17. Juni.

Zwischen seinen Standardsätzen lässt Sadowij erkennen, dass er sich und die Stadt ungerecht behandelt glaubt. Der Bürgermeister deutet an, dass es "innerhalb der Ukraine ein politisches Interesse geben könnte, Lemberg mittels gezielter Negativ-PR in ein düsteres Licht zu tauchen". Die Falten auf der Stirn vertiefen sich.

Sadowij bittet auf den Rathausbalkon, von dem sich ein herrlicher Blick auf die historischen Bürgerhäuser bietet. Verkäuferinnen in den Trachten der Region Galizien bieten dort Naschwerk feil. Tauben picken Reste auf und flattern wieder empor. Es ist das Bild einer typisch mitteleuropäischen Altstadt. Seit 1998 zählt sie zum Unesco-Kulturerbe.

In Kiew regiert der prorussische Präsident Viktor Janukowitsch . Seine Welt ist die Welt des Ostens, und seine Gegner stammen seit jeher aus dem westlichen Landesteil. Sadovij verkneift sich konkrete Vorwürfe an die Adresse des Staatschefs. Er spricht lieber von der Geschichte seiner Heimat. Als Lwów und Lemberg gehörte das heute ukrainische Lwiw seit dem Mittelalter jahrhundertelang wechselweise zu Polen und zur österreichischen Habsburger-Monarchie, bevor die Sowjets die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg als Lwow zu russifizieren versuchten. "21 Jahre ist die Ukraine jetzt unabhängig. Wir suchen noch ein wenig nach unserer Identität", sagt Sadowij zum Abschied.

Das Zauberwort bei dieser Sinnsuche heißt Freiheit. Danach benannt ist auch der wichtigste Straßenzug der Stadt. Auf dem Freiheitsboulevard flanieren in den ersten wärmenden Strahlen der Frühlingssonne elegant gekleidete junge Frauen. Ihre Männer haben es sich auf Bänken bequem gemacht und spielen Blitzschach oder Backgammon. Ein nach Kosakenart gekleideter Musiker zupft die Saiten einer Bandura, des lautenförmigen ukrainischen Nationalinstruments.

Im Juni richtet die Stadt in der parkähnlichen Anlage ihre EM-Fanmeile ein. Doch vorerst gehört der Boulevard Müßiggängern und politischen Parteien. Vor allem Aktivisten der Swoboda-Bewegung verteilen hier ihre Flugblätter.

Juri Michaltschischin ist mit seinen 29 Lebensjahren einer der führenden Ideologen der Regionalpartei, die im Stadtrat gut ein Viertel der Abgeordneten und damit die stärkste Fraktion stellt. Die Unterstützung für die Gruppierung ist in Lemberg groß, auch wenn sie sich landesweit an der Fünf-Prozent-Hürde abarbeitet. "Swoboda heißt Freiheit", sagt Michaltschischin, dessen Ziel es ist, Sadowij als Bürgermeister abzulösen. Sein Blick ist ebenso ernst und entschlossen wie der seines Konkurrenten. "Wir wollen in der Ukraine einen Sozialnationalismus errichten", sagt er und bittet zum Gespräch ins nahe Wiener Kaffeehaus.

Mit seinen gediegenen Holzmöbeln verströmt das Café den Charme der Habsburgerzeit. Michaltschischin akzeptiert das Ambiente als historische Kulisse, mehr aber auch nicht. "Wir sind immer von Fremden beherrscht worden. Jetzt wollen wir die Freiheit", sagt der junge Politikwissenschaftler. Aber ist Freiheit für ihn auch die Freiheit der Andersdenkenden? "Unser Sozialnationalismus hat nichts mit Hitlers NS-Ideologie zu tun. Wir streben eine soziale Marktwirtschaft und eine echte Demokratie an", versichert Michaltschischin. Er sagt auch: "Die Ukraine soll vor allem für die Ukrainer da sein." Und: "Ukrainertum bedeutet ukrainisches Blut und Bewusstsein."