Einmal wenigstens wollen sie ein bisschen Profisport spielen, die 30 jungen Männer mit ihren blau-weißen Trikots, breiten Schultern, Sonnenbrillen und Musik auf den Ohren. Sie sitzen in einem dieser Heidelberger Busse mit der Aufschrift "Stadtrundfahrt / City-Tour", in denen gewöhnlich amerikanische Touristen nach deutscher Romantik suchen. Normalerweise fahren die Rugbyspieler des SC 1902 Neuenheim (SCN) mit dem Auto oder mit dem Fahrrad zu ihren Spielen. Heute fahren sie Bus, weil heute nichts normal ist. Viereinhalb Kilometer entfernt vom Marktplatz ihres Stadtteils im Norden Heidelbergs, über den Neckar hinweg, am Harbigweg wartet der Stadtrivale und amtierende Meister Heidelberger RK (HRK) auf den SCN. Der Gewinner steht im Bundesliga-Finale.

Ein Halbfinale im Rugby, auch noch ein Derby: In vielen anderen Ländern der Welt würde die Stadt verrückt spielen. In England, Frankreich oder Südafrika, vor allem aber in Neuseeland , wo die Nationalspieler, die "All Blacks", Heldenstatus genießen und die Trikothersteller glauben, den Fans das Doppelte des üblichen Preises für Fanartikel abnehmen zu können. Das Land des Weltmeisters gilt als Rugby-Paradies, statistisch gesehen greift dort jeder 30. zum eiförmigen Ball.

Deutschland dagegen ist Rugby-Diaspora. Nur einer von 7.269 Deutschen spielt Rugby. Der Deutsche Rugby-Verband (DRV) hat 11.000 Mitglieder, 20 mal weniger als der Deutsche Badminton-Verband. Deshalb gibt es trotz des Halbfinals in  Heidelberg kein Verkehrschaos, keine Tröten, auf den Straßen grölen keine Fans. Obwohl Heidelberg die Hochburg des deutschen Rugbys ist. Gleich vier örtliche Mannschaften spielen in der Bundesliga: der SCN, der HRK, die RG Heidelberg und der TSV Handschuhsheim. Nächste Saison könnte auch noch der TV Heidelberg aufsteigen. Dann würde die Hälfte aller Bundesliga-Teams aus der fünftgrößten Stadt Baden-Württembergs stammen.

Rugby - SC Neuenheim gegen RK Heidelberg Spielszenen vom Bundesliga-Halbfinale und Stadt-Derby SC Neuenheim gegen RK Heidelberg

Rugby hat in Heidelberg eine lange Tradition. Um 1860 hatte ein englisches College in der Stadt den Sport in den Lehrplan aufgenommen – keine 40 Jahre nachdem der Schuljunge William Webb Ellis bei einem zünftigen Fußballspiel im Internat der mittelenglischen Stadt Rugby 1823 den Ball mit den Händen ins gegnerische Tor trug, der Geburtsstunde des Sports. Unter der Bezeichnung "Durchtragerles" verbreitete sich das Spiel bei der Heidelberger Jugend. Als 1927 erstmals eine deutsche Nationalmannschaft auflief, spielte in Heidelberg schon die vierte Generation. Der Boom blieb lokal begrenzt, ebbte aber nie ab.

Deshalb hat das Heidelberger Sportkaufhaus eine Rugbyabteilung, im 2. Obergeschoss, zwischen Bademode und Tennis. "Vermutlich die größte Deutschlands", sagt der Geschäftsführer Bernd Niebel. Zwischen den Trikots von Neuseeland und der Baden-Württemberg-Auswahl arbeitet der Hüne Manasah Sita aus Zimbabwe. Sita ist der Star des SCN, Niebel seit seiner Kindheit Anhänger des Clubs. Regelmäßig müssen Sita oder Niebel nach Frankreich fahren, um neue Bälle oder Trikots zu kaufen. Der Weltmarktführer Adidas liefert nicht nach Deutschland.

In der Regel trifft es die Verkäuferin Edith Schmidt. Sie kann sich noch an ihr erstes Rugbyspiel erinnern. "Ich dachte, da kommt keiner lebend vom Platz!", sagt die 55-Jährige. Die muskelbepackten, schlammbespritzten und meist nur mit einem Mundschutz gegen Tacklings geschützten Spieler machten ihr zunächst Angst. Heute sagt sie: "Harte Kerle, weicher Kern! Reizend sind die, richtige Gentlemen." Schmidts Lebensgefährte spielte in der Jugend-Nationalmannschaft, an der Seite von Seniorchef Walter Niebel.

Dessen Frau Margarete wiederum malte 1996 ein großes Ölbild, auf dem Vertreter der fünf Heidelberger Rugbyteams um den Ball kämpfen. Heute ziert es das urige Rugby-Museum, in dem sich rund 2.000 Exponate türmen. Darunter ein Stück Stacheldraht, das einst die Spielfelder der TSV Handschuhsheim und des SCN trennte. "Damals ging es um Ackerland, junge Frauen und sonst was, aber nicht um Sport", sagt Claus-Peter Bach, ehemals DRV-Präsident, heute Museumsführer und SCN-Vorstand.