ZEIT ONLINE: Herr Tietke, in ihrem Buch untersuchen Sie die Rolle, die Yoga im Nationalsozialismus spielte. Zu welchem Ergebnis sind sie gekommen?

Mathias Tietke: Sicher ist, dass im sogenannten Dritten Reich Yoga praktiziert wurde. Neben regimekritischen oder neutralen Yoga-Richtungen gab es den "arischen Yoga". Da man fälschlicherweise annahm, der Yoga stamme aus der vedisch-arischen Kultur, war es vergleichsweise leicht, Yoga als "das geheime Wissen der Arier" zu konstruieren. Begonnen hat diese Verklärung bereits im 19. Jahrhundert, zum Beispiel bei Schopenhauer und den Theosophen. Auffällig ist, dass der im NS-Staat verbreitete Yoga kaum der körperbetonte Hatha-Yoga war, der heute populär ist, sondern vor allem ein rein geistiger Yoga.

ZEIT ONLINE: Inwiefern harmonierte der geistige Yoga mit der NS-Ideologie?

Tietke:Heinrich Himmler bezog sich beispielsweise auf den Jnana-Yoga, der Yoga der Erkenntnis, wie er in der Bhagavad Gita vermittelt wird. Die in diesem Text propagierte Notwendigkeit, mit innerer Gelassenheit zu töten, diente dem Reichsführer der SS dazu, sein eigenes Handeln zu legitimieren. Eine andere zentrale Figur der nationalsozialistischen Yoga-Rezeption war der Indologe und SS-Hauptsturmführer Jakob Wilhelm Hauer. Bei ihm wurde Yoga zu einer indo-arischen Metaphysik des Kampfes und der Tat.

ZEIT ONLINE: Gibt es im Yoga, das heute praktiziert wird, Anknüpfungspunkte zur NS-Ideologie?

Tietke: Eher nicht. Es wird ja zurzeit auch eher der körperliche Yoga, der Hatha-Yoga rezipiert. Wer heute Yoga praktiziert, möchte vor allem gesundheitliche Probleme lösen, sich entspannen oder den Körper optimieren. Mitunter wird dies mit Hindu-Folklore verknüpft, man lässt sich ein OM tätowieren, trägt T-Shirts mit Sanskritversen, bittet um den Segen vedischer Götter und zündet ein Räucherstäbchen an. Das ist zumeist harmlose Peripherie. Sowohl diejenigen, die im Yoga mehr Tiefgang suchen und sich mit den ethischen, historischen und philosophischen Hintergründen befassen, als auch jene, die eine von Reinheit geprägte Erlösungslehre vertreten, sind heute klar in der Minderheit.

ZEIT ONLINE: Steckt nicht in dem – auch im körperlichen Yoga verbreiteten – Meisterkult die Sehnsucht nach einem Führer?

Tietke: Die Sehnsucht nach einer Autorität und jemandem, der führt, Sinn stiftet und Weisheiten vermittelt, ist auch in der Yoga-Szene stark verbreitet. Aber wer westlich sozialisiert ist, stellt auch Fragen und bleibt in der Regel kritisch. Die Yogalehrererin und Yogabuch-Autorin Anna Trökes beklagt diese Einstellung in ihrem Buch Die sieben Schätze des Yoga . Sie plädiert für "Verpflichtung und Hingabe" gegenüber Lehrern und Meistern. Ich habe bereits öfter betont, dass ich diese Form der unkritischen Yoga-Rezeption ablehne. Nicht zuletzt missbrauchen manche Yoga-Meister ihre Autorität. Einige angesehene Yoga-Meister haben Schülerinnen und Schüler missbraucht, sowohl emotional als auch wirtschaftlich oder sexuell. Wer auf diese Missstände hinweist – wie ich dies des Öfteren getan habe – macht sich unbeliebt in Teilen der Yoga-Gemeinde.