ZEIT ONLINE: Herr Brown, welches Schlüsselerlebnis führte Sie in den Fußball-Hooliganismus?

Brown : Ich war ungefähr 18 Jahre alt, als ich mich der Hooligan-Gruppierung C-Crew von Aston Villa anschloss. Das war eine Zeit, die von Rassismus und von sehr viel Gewalt geprägt war – nicht nur im Fußball. Dass ich schwarz bin, hat noch mehr Aufmerksamkeit auf mich gelenkt. Aber es wäre falsch, die Ursache für meine Aggressionen in den rassistischen Anfeindungen durch gegnerische Fans zu suchen.

ZEIT ONLINE : Worin dann?

Brown : Ganz klar: Die Gefahr und das Adrenalin waren wie ein Zaubertrank für mich!

ZEIT ONLINE : Was machte die C-Crew zu einer führenden Hooligan-Gruppe in Großbritannien ?

Brown : Ich denke, es war die erste multikulturelle Fi rm in Großbritannien. Wir kamen aus unterschiedlichen Teilen Birminghams zusammen, hatten unterschiedliche soziale Hintergründe – und das in der sogenannten Blütezeit des britischen Fußball-Hooliganismus! Zudem waren wir furchtlos und zu hundert Prozent überzeugt von dem, was wir taten. So konnten wir uns mit jeder Firm im Land messen. Wir haben im Stadion und auch außerhalb gekämpft, auf Bahnstationen, in Bars und Nachtclubs. Wir waren überall, wo es in Europa Ärger gab.

ZEIT ONLINE : Cass Pennant, ein ehemaliger Hooligan von West Ham United, hat die Faszination der Fußball-Gewalt einmal in einem Interview als Sucht bezeichnet. Waren Sie auch süchtig nach Gewalt?

Brown : Nun, die Leidenschaft, für Deinen Club zu kämpfen und der damit verbundene Adrenalinrausch waren unglaublich. Aber ich glaube nicht, dass man diese Sucht verstehen kann. In meinem Buch Villains habe ich versucht, das zu erklären. Die Gewalt war für mich wie Heroin, sie wurde zu einer Sucht. Das Unfaire daran ist, dass man Fußball-Hooligans ins Gefängnis steckt und nicht in renommierte Rehabilitationskliniken, wo sie versuchen, dich zu heilen.

ZEIT ONLINE : Mit Verlaub, das klingt sehr einfach.

Brown : Sicher. Ein Alkoholiker oder ein Drogensüchtiger würden diesen Vergleich mit einem Hooligan nicht akzeptieren. Aber ich habe es geliebt, zur C-Crew zu gehören, genoss die Planung und die Ausführung unserer Aktionen und die Befriedigung, wenn wir aus den Kämpfen als Sieger hervorgingen. Natürlich nur für eine gewisse Zeit.

ZEIT ONLINE : Und dann landeten Sie 1982 tatsächlich im Gefängnis.

Brown : Exakt. Ich wurde zu zwei Mal drei Jahren verurteilt – und zwar im Anschluss an die heftigsten Fußballausschreitungen der vergangenen 40 Jahre.

ZEIT ONLINE : Welche Ereignisse waren das?

Brown : Das waren die wichtigsten und prägenden Ereignisse in meiner Zeit als Hooligan, ich habe sie in Villains dokumentiert. Sie wurden bekannt als "Der längste Tag" – eine Art Rachefeldzug gegen Liverpool in der Saison 1980/81. Die Fans dort hatten mich auf schlimme Weise rassistisch beleidigt. Als ich zum ersten Mal aus dem Gefängnis kam, waren Steckbriefe mit dem Titel "Nigger Danny – Tot oder lebendig" keine Seltenheit. Nicht nur in Birmingham.

ZEIT ONLINE : Wie kam es zur Entscheidung, die Gruppe zu verlassen?

Brown : Der Einsatz war ganz einfach zu groß, je länger ich an dem Rummel beteiligt war. Als ich eine eigene Familie hatte, habe ich gemerkt, dass es im Leben noch andere Dinge als den Fußball gibt.

ZEIT ONLINE : Haben Sie jemals Reue für die Dinge empfunden, die Sie in Ihrer Zeit in der Firm getan haben?

Brown : Nein, auch wenn das blöd klingt für jemanden, der wegen Hooliganismus im Gefängnis saß. In Wirklichkeit haben wir nur Unseresgleichen attackiert, also Typen, die auch auf Gewalt aus waren. Wir hätten niemals Unbeteiligte oder Leute mit einem Fanschal oder einem Trikot ihres Clubs angegriffen.

ZEIT ONLINE : Haben Sie von den jüngsten Hooligan-Aktivitäten in Deutschland gehört? Was ist der Unterschied zwischen der deutschen und der britische Szene?

Brown : In Deutschland und Osteuropa scheint derzeit die Gewalt im Fußball aufzuleben. Das ist gewaltsamer und rassistischer als die Ereignisse in der Hochphase des englischen Hooliganismus in den siebziger und achtziger Jahren. Die meisten Gruppen werden offenbar von Neonazis, Ultras und rechtsextremen Figuren geführt. Diese Gewalt ist aber kein deutsches Phänomen, sondern in ganz Europa sehr verbreitet.

ZEIT ONLINE : Und auf der Insel?

Brown : In Großbritannien hat die Polizei den Hooliganismus weitgehend unter Kontrolle – in den Stadien und auch außerhalb. Dennoch gibt es Gruppen wie die English Defence League (EDL), die British National Party ( BNP ) oder Combat18, die sehr eng mit den Firms verbunden sind. Die EDL wurde vor ein paar Jahren in Luton gegründet und hat sich zu einer der auffälligsten rechtsradikalen Bewegungen in Großbritannien entwickelt. Tausende von Menschen haben sich ihren Protestmärschen angeschlossen. Diese sind eskaliert, es gab Gewalt und anti-islamische Gesänge. Schlimmer als bei der National Front in den Siebzigern. Die Ironie liegt darin, dass die Neonazis in Ost-Europa und die extremen Rechten wie die EDL oder die BNP sowie die Leute, die die radikal-islamistischen Lehren unterstützen, mehr gemeinsam haben, als es ihren Anhängern und Fußsoldaten lieb sein dürfte.

Ich bleibe ein Fan von Aston Villa

ZEIT ONLINE : Wie schwierig war Ihr Ausstieg aus dem Hooliganismus?

Brown : Es war sehr schwer für mich, von diesem Lebensstil Abschied zu nehmen. Aber ich bin ein Individuum und habe meine eigene Lösung gefunden. Ich bin daher zuerst für das verantwortlich, was ich selbst tue, und so habe ich meine eigenen Lösungen gefunden.

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ZEIT ONLINE : Wie sahen die aus?

Brown : Ich bin Fan von Aston Villa geblieben und hatte großen Spaß, meinen Kindern die Leidenschaft für diesen Club zu vermitteln.

ZEIT ONLINE : Hat man Sie nach dem Ausstieg bedroht oder gar verfolgt?

Brown : Ich habe nie feindselige Reaktionen auf meinen Ausstieg erlebt. Innerhalb der C-Crew hatten wir genügend Respekt voreinander, um eine solche Entscheidung zu verstehen. Ich habe überhaupt noch nie gehört, dass jemand bedroht wurde, nachdem er eine Fußball-Gang verlassen hat.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Situation im britischen Fußball-Hooliganismus heute? Ist die Premier League eine friedliche Superliga oder immer noch ein Rummelplatz für Randalierer?

Brown : Nun, die Unruhe in und rund um die englischen Stadien hat sich seit den achtziger Jahren gelegt. Die Stadien sind jetzt natürlich sicherer als in den siebziger oder achtziger Jahren. Damals gab es fast bei jedem Spiel einen Zwischenfall. Die Kultur des Hooliganismus war immer eine Gang-Kultur, die sich auch um Gewalt, Mode, Musik gedreht hat; heutzutage geht man dazu nicht mehr unbedingt zum Fußball.

ZEIT ONLINE : Sie arbeiten heute an Projekten, die junge Menschen von der Gang-Kultur und vom Hooliganismus fernhalten wollen.

Brown : Ich habe Verschiedenes in Jugendzentren und Schulen betreut und ich helfe vor allem in den West Midlands Kindern, die hochgradig gefährdet sind und sich auf einem schmalen Grat zwischen Gewalt und Gangzugehörigkeit befinden. Es wird dauern, bis sie diesen Kampf gewonnen haben. Ich fühle mich verantwortlich und ich habe die Pflicht, Kindern und Jugendlichen in dieser Region gewaltfreie Lebenswege aufzuzeigen. Besonders denen, die einen schwarzen oder asiatischen Migrationshintergrund haben. Es ist wichtig, dass diese Kinder erkennen, dass Aston Villa ihr Club ist und dass sie diesen nicht nur unterstützen, sondern auch Teil seiner einzigartigen familiären Gemeinschaft sein sollen.

ZEIT ONLINE : Würden Sie eine Prognose für die bevorstehende EM in Polen und der Ukraine abgeben? Der Hooliganismus in Russland oder auch in den beiden Gastgeberländern hat sich dramatisch entwickelt.

Brown: Ich habe mich in Großbritannien mit ein paar anderen Leuten aktiv gegen Rassismus engagiert und Kampagnen ins Leben gerufen. Ich bin sehr froh, dass es Bemühungen gibt, dieses Problem zu lösen. In Osteuropa hört man fast wöchentlich, dass afrikanische Studenten angegriffen werden, etwa in den Straßen von St. Petersburg oder anderswo. Mehr als 15 Menschen wurden im Zuge von rassistisch motivierten Gewalttaten getötet. Glaubt man dem Büro für Menschenrechte in Moskau , dann nimmt die Zahl dieser Taten dramatisch zu. Ich bin entsetzt, dass die EM 2012 und auch die übernächste Weltmeisterschaft in Osteuropa stattfinden werden.

ZEIT ONLINE : Wo sehen Sie die größten Probleme?

Brown : Die Uefa versucht, die rassistischen Vorfälle in Osteuropa herunterzuspielen. Einige Kommentare, die ich von sogenannten gebildeten Leuten auf osteuropäischen Internetseiten oder in Foren gelesen habe, sind einfach unglaublich. Es ist unerhört, wie sie über Schwarze, Asiaten oder andere ethnische Minderheiten sprechen und schreiben. Da frage ich mich: Was hat sich Michel Platini dabei gedacht, als er die Europameisterschaft nach Osteuropa vergeben hat? Denken Sie nur an den Nigerianer Peter Odemwingie. Er wurde bei Lokomotive Moskau von sogenannten Fans mit rassistischen Bannern geschmäht…

ZEIT ONLINE: Was sind die Gründe für dieses indiskutable Fan-Verhalten?

Brown : Eindeutig die generelle Unwissenheit der Menschen in Osteuropa und insbesondere in Russland. Es widerspricht jeder Logik, dass ausgerechnet die osteuropäischen Länder fruchtbaren Nährboden für Neonazigruppen bieten. Ich fürchte, dass dieser extreme Nationalismus sich auch schon in Russland und in dessen Nachbarländern breitgemacht hat.

ZEIT ONLINE : Und mit Blick auf die EM ?

Brown : Sehe ich neben vielen anderen Problemen, die es in den Austragungsländern mit Fußballfans geben kann, vor allem die Gefahr, dass farbige Spieler rassistisch beleidigt oder bedroht werden. Diese Bedenken sollte die Uefa nicht bagatellisieren.