Vor dem Stadion dreht sich die Welt. Wasser umspült einen meterhohen Granit-Fußball, der an einen Globus erinnert, und lässt ihn rotieren. Dahinter erhebt sich die imposante Glasfassade der Donbass-Arena . Im Juni finden dort fünf Spiele der Fußball-Europameisterschaft statt, darunter ein Halbfinale. Wenn es dunkel wird, leuchtet die Außenhaut der Arena bläulich-violett wie ein Diamant. 45 VIP-Lounges gibt es hier. An einem Seiteneingang parken gewöhnlich Stretchlimousinen.

Joe Palmer ist davon überzeugt, dass dies "ein Stadion für die Menschen ist". Der Brite ist Marketingdirektor bei Schachtar Donezk und will "eine Vision für den Verein entwickeln". Sein Club-Präsident Rinat Achmetow hat ihn deshalb vor einem Jahr eigens aus London einfliegen lassen. Der reichste Mann der Ukraine zahlt gut. Palmers Frau und die beiden Söhne hielten es dennoch nicht lange in Donezk aus und kehrten nach England zurück. "Im Winter ist es unwirtlich in der Ostukraine", sagt Palmer.

Für die Menschen

Palmer, Mitte 30, arbeitet hart für sein Geld. Er sitzt an diesem Frühlingsfreitag in einem kleinen Büro unter dem Dach der Arena und organisiert ein Fanfest für den Samstag. 24 Stunden sind es noch bis zum Spiel der Spiele. Gegen Dynamo Kiew kämpft Schachtar um die Meisterschaft. "Der Verein ist für die Menschen da", wiederholt Palmer. Das ist seine Vision.

Ausgehend vom prächtigen Stadion soll sich die Moderne strahlenförmig über Donezk ausbreiten, die Metropole des Donbass. So nennen die Einheimischen das Kohle- und Stahlrevier Donezki Bassejn, das Donezbecken. Es ist eine Art Ruhrgebiet der Ukraine, nur weitläufiger und schmutziger. Hinter Palmers Modernisierungsstrategie steht ein Masterplan. "Achmetow will sich und sein Geld reinwaschen", sagen jene, die es wissen können und nicht genannt werden möchten.

Achmetow ist Eigentümer der Holding System Capital Management (SCM). Stahlwerke und Kohleminen, Investmentfirmen, landwirtschaftliche Betriebe, Telekom- und Medienunternehmen gehören dazu. In der Ukraine ist Achmetow nicht umunstritten. Kritiker behaupten, er sei der Kopf der organisierten Kriminalität im Lande. Aber Achmetow hat auch eine Stiftung ins Leben gerufen, die krebskranken Kindern hilft und ukrainische Künstler unterstützt.

Bergarbeiter aus den SCM-Gruben erhalten Freikarten bei Schachtar. "Er tut viel Gutes. Und er ist hiergeblieben. Er atmet die gleiche miserable Luft wie wir", sagen die Menschen auf der Straße. Sie verehren ihn. Im vergangenen Jahr kaufte Achmetow für 156 Millionen Euro die teuerste Wohnung Londons – als Geldanlage. Der rotblonde Muslim mit tatarischen Wurzeln lebt lieber in Donezk.

Wer Palmers Strahlentheorie verstehen will, besteigt am besten einen Bus der Linie 10. Sie führt weit hinaus in den Nordwesten von Donzek und endet in einer Wendeschleife vor der Zeche Oktjabrski. Alle Linien enden dort. Es ist Freitagnachmittag, 15.30 Uhr, Schichtwechsel. Die ausgefahrenen Arbeiter sitzen auf Holzbänken vor der Waschkaue, rauchen und schweigen. Es sind kräftige Männer mit müden Augen. In ihren Lidern hat sich Kohlenstaub festgesetzt. Die schwarzen Ränder heben sich schroff von den fahlen Wangen ab. Im grellen Licht der Frühlingssonne wirken die Gesichter weiß wie Kalk.

Nicht nur das Bergwerk heißt Oktjabrski. Der gesamte Stadtteil ist nach der Oktoberrevolution von 1917 benannt. Doch längst ist das sowjetische Experiment gescheitert. Die einstige Vorzeigegrube gehört heute dem unabhängigen ukrainischen Staat. Und sie ist nahezu bankrott. Seit zwei Monaten warten die Arbeiter auf ihren Lohn. Wenn das Geld kommt, werden es umgerechnet kaum 400 Euro sein. Bis nach Oktjabrski dringen Palmers Strahlen noch nicht.

Achmetow ist dort aufgewachsen. Sein Vater war ein einfacher Kumpel. Der Sohn besitzt mit 45 Jahren ein Vermögen von 13,7 Milliarden Euro. Für 300 Millionen hat Achmetow die Donbass-Arena bauen lassen. Doch begonnen hat er seine Karriere in den achtziger Jahren. Als Boxer in Oktjabrski.

Als die Sowjetunion zerfällt, studiert Achmetow Wirtschaftswissenschaften und gründet eine Bank. Es ist die Zeit, in der die berüchtigten Oligarchen das Volkseigentum unter sich aufteilen. Oktjabrski gilt in den neunziger Jahren als Zentrum der ostukrainischen Mafia. Achmetow steigt zur rechten Hand des Donezker Paten Achat Bragin auf. 1995 explodiert unter dessen Sitz im alten Schachtar-Stadion eine Bombe. Bragin und seine Leibwächter sterben. Sein Zögling Achemtow, der sonst kein Spiel versäumt, ist diesmal nicht auf der Tribüne. Er übernimmt das Bragin-Imperium, inklusive des Fußballvereins.