16 Mannschaften treten bei der Fußball-Europameisterschaft an. Für jede hat ein Redakteur oder Autor von ZEIT ONLINE die Patenschaft übernommen. Unsere EM-Paten begleiten ihr Team durchs Turnier und schreiben persönliche Spielberichte. Vor dem Anpfiff haben sie "ihre" Jungs porträtiert. 

Polen

Als einer von zwei Gastgebern der Europameisterschaft will Polen dem Kontinent zeigen, dass es in der Moderne angekommen ist und zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sowie acht Jahre nach der EU-Ost-Erweiterung zu seinen Nachbarn aufgeschlossen hat. Ähnliches erwartet das neue europäische Musterland auch von seiner Nationalmannschaft. Die Qualifikation für das Viertelfinale in der leicht anmutenden Gruppe mit Griechenland , Russland und Tschechien ist für die Fans das Mindeste, auch wenn es das erste Mal in der EM-Geschichte wäre.

Die Aussichten sind nicht schlecht, das liegt vor allem an drei Borussen. Der Stürmer Robert Lewandowski ist nach einer überragenden Saison in Dortmund höchstens noch einen kleinen Schritt von der Weltklasse entfernt. Assistiert wird er von dem rasend schnellen Flügelspieler Jakub Blaszczykowski, genannt Kuba. Auch der rechte Außenverteidiger Lukas Piszczek ist wegen seiner Dynamik und Ballgewandtheit ein wichtiger Baustein im System Jürgen Klopps.

Weil der polnische Beitrag zum mitreißenden wie modernen Fußball des Deutschen Meisters so groß war, bezeichnete die polnische Presse den BVB als "Polonia Dortmund" . Hinter den dreien und dem Tormann Wojciech Szczesny (Arsenal) klafft aber eine Qualitätslücke im Team von Trainer Franciszek Smuda, auch wenn vier weitere Bundesliga-Profis für die "weißen Adler" auflaufen: Eugen Polanski (Mainz), Sebastian Boenisch (Bremen), Artur Sobiech (Hannover) und Adam Matuszczyk (Düsseldorf). Der Kölner Slawomir Peszko wurde wegen einer Alkoholeskapade aus dem Kader gestrichen. Doch wenn die junge Mannschaft den Heimvorteil nutzt, könnten die konterstarken Polen sogar zum Geheimfavoriten werden.

Im möglichen Viertelfinale könnte Deutschland der Gegner sein. Es wäre wegen des Zweiten Weltkriegs einerseits ein belastetes Aufeinandertreffen. Andererseits verbindet Polen und Deutschland eine gemeinsame Fußballgeschichte. Das erste WM-Tor Deutschlands schoss 1934 der polnischstämmige Stanislaus Kobierski. Für Polen traf vier Jahre später Friedrich Scherfke erstmals bei einer Weltmeisterschaft, ein Angehöriger der deutschen Minderheit in Posen.

Ich werde die EM in Polen verbringen, hauptsächlich in Danzig. Im Gepäck Thomas Urbans schönes Buch Schwarze Adler, weiße Adler , in dem diese und andere deutsch-polnische Fußballkapitel gesammelt sind.

Oliver Fritsch