112 Brücken führen über die Oder und verbinden die Stadt mit sich selbst. Breslau (polnisch Wrocław) gilt als Venedig Polens. Von südländischer Lebendigkeit ist an diesem sonnigen Maimorgen allerdings wenig spüren. Nicht nur die Oder, auch der Rynek, der berühmte Marktplatz im Herzen der Altstadt, verströmt Lustlosigkeit. Einzig Slavek und Slavko, das polnisch-ukrainische Maskottchen-Pärchen, führen vor dem Rathaus einen kleinen Tanz auf. Die jungen Leute in den überlebensgroßen Plüschpuppen mit den Punk-Frisuren geben alles, um Werbung für die nahende Europameisterschaft zu machen – vergebens. Niemand nimmt von ihnen Notiz.

Der mittelalterliche Rynek wird sich im Juni in eine Fanmeile für 25.000 Menschen verwandeln. Vorerst allerdings erfüllt nur der Lärm eines Presslufthammers die Luft. Überall wird noch gearbeitet. Auch das schlägt aufs Gemüt. Und die Nachbarn aus Tschechien, die kommen wollen, aber nicht bleiben. "Viele Tschechen fahren einfach wieder nach Hause", sagt Marcin Grudziewski. Der 38-Jährige sitzt allein in einem Freiluftcafé auf dem Marktplatz. Der Familienvater wollte seine Wohnung während der EM an ausländische Fans vermieten. "Das Interesse ist gleich null", sagt er.

Die Tschechen sind an allen drei EM-Spielen in Breslau beteiligt. Russland, Griechenland und Gastgeber Polen sind die Gegner in der Gruppe A. Doch was in der Stadt anfangs Begeisterung auslöste, weil die Nachbarn für Stimmung sorgen würden, ist längst Skepsis gewichen. Keine 100 Kilometer sind es bis zur tschechischen Grenze, in kaum vier Stunden ist man mit dem Auto in Prag. "Die Fans werden wohl nur zu den Spielen anreisen und nicht bleiben", sagt Rafal Jurkowlaniec, der Regierungschef der Wojewodschaft Niederschlesien, deren Hauptstadt Breslau ist. Einen für 3.000 Zelte ausgelegten Fan-Campingplatz haben die Organisatoren bereits auf ein Sechstel der Stellfläche reduziert.

Gute Nachrichten gewohnt

Für Jurkowlaniec und andere Regionalpolitiker ist die Situation ungewohnt. Mit schlechten Nachrichten kennen sie sich kaum noch aus. Breslau boomt. 150.000 neue Arbeitsplätze sind in der Region seit dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 entstanden. Internationale Technologie-Unternehmen wie Siemens und Bosch, SAP und Google haben sich angesiedelt. 2016 wird Breslau Kulturhauptstadt Europas sein. Auch diesen polenweiten Wettbewerb haben die Schlesier gewonnen. Genau wie die Fußball-Meisterschaft. In einem Herzschlagfinale erkämpfte Śląsk Wrocław Anfang Mai den Titel in der Ekstraklasa, der höchsten polnischen Spielklasse.

Bei Schlesien Breslau aber, wie der Verein auf Deutsch heißt, ist niemand bereit, über die Zukunft des Fußballs in der EM-Stadt zu sprechen. Auch der regionale Verband verweigert jede Auskunft. Dabei gilt Schlesien nicht nur als Kaderschmiede des polnischen, sondern auch des deutschen Fußballs. Die Nationalstürmer Miroslav Klose und Lukas Podolski, die den schwarzen Adler auf der Brust tragen, stammen ebenso aus der Region wie Łukasz Piszczek vom Meister Borussia Dortmund und Sebastian Boenisch vom SV Werder Bremen, die bei der EM mit dem weißen Adler auf der Brust für Polen auflaufen.

Sie alle sind hier geboren – allerdings nicht in Breslau, sondern in Oberschlesien. "Fahren Sie nach Oppeln", rät daher der enttäuschte Wohnungsvermieter Marcin Grudziewski auf dem Marktplatz. "Wir sind hier schon zu satt. Dort wollen sie noch etwas."

Miroslav Klose ist in Oppeln (polnisch Opole)  aufgewachsen, kaum 90 Kilometer von Breslau entfernt, bevor er im Alter von acht Jahren nach Deutschland kam. "Er ist noch immer unser Held, hier kennt ihn jeder", sagt Radosław Soperczak. Der 27-Jährige sitzt in einem kleinen Raum, dem Empfangszimmer seiner Fußball-Akademie. Die Wände sind mit überlebensgroßen Porträts bemalt. Sie zeigen junge, kampfeslustige Spieler und Fußbälle. Soperczak hat eine schlichte Mehrzimmerwohnung am Rande der Innenstadt von Oppeln zur Zentrale seiner Akademie umgebaut. Und auch die Idee ist einfach: "Wir wollen den Jugendfußball vom Kopf auf die Füße stellen", sagt Soperczak.