ZEIT ONLINE:  Herr Gebauer, Profisportler und Politik, passt das zusammen?

Gunter Gebauer: Nicht besonders gut. Weil Sportler nicht übermäßig politikinteressiert sind und oft auch kein Interesse daran haben, sich in irgendwelche politischen Strategien einzupassen. Außerdem führen Sportler ein hartes Leben, wenn sie sich auf große Wettkämpfe vorbereiten. Sie haben dann schlicht wenig Zeit.

ZEIT ONLINE: Wenig Zeit?

Gebauer: Wenn sie sich auf eine Meisterschaft vorbereiten, sieht die Lebenswirklichkeit der Sportler so aus: Je weniger Nebengedanken, desto besser für den Erfolg. Schweifende Überlegungen oder politische, ästhetische und philosophische Gedanken sind eher kontraproduktiv. Je reflektierter man ist, umso schlechter ist man im Sport. Die deutschen Fußballer sollen ja Europameister werden. Wenn die sich bei der EM wochenlang nur mit Politik beschäftigen würden, werden sie es garantiert nicht.

Politik und Sport - Sollen Sportler über Politik reden? Gunter Gebauer im Interview

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Wochen äußerten sich zwei der beliebtesten Sportler Deutschlands. Sebastian Vettel sagte rund um das Formel-1-Rennen in Bahrain : "Kümmern wir uns nicht um Sachen, die uns nichts angehen." Philipp Lahm sagte , dass der Umgang der Ukraine mit Julia Timoschenko nicht seinem Verständnis von Demokratie entspräche. Wer hat es richtig gemacht?

Gebauer: Zunächst einmal haben Sportler keine politische Funktion, die sie für eine bestimmte Sache sprechen lässt. Das ist Aufgabe der Politiker und Verbandsfunktionäre. Die sind ja auch dafür verantwortlich, dass Sportler überhaupt in solchen Ländern antreten müssen. Es wäre daher etwas billig, Sebastian Vettel zu kritisieren. Der fährt 20 Rennen pro Jahr und wir können nicht erwarten, dass er alle 20 Länder auf seine Machtverhältnisse hin analysiert.

ZEIT ONLINE: Aber auch Sportler sind Menschen und können doch vor solchen Missständen nicht die Augen verschließen, nur weil sie ein Autorennen gewinnen wollen?

Gebauer: Wenn ein Sportler sich als mündiger Athlet erweist, ist das das Ideal. Wir können das wünschen, aber nicht von allen verlangen. Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen gingen zuletzt nicht wählen und dann lässt man seinen Unmut an Sebastian Vettel aus, weil er sich nicht zu den politischen Verhältnissen im Königreich Bahrain äußert? Die Borussen mit ihrem Anführer Jürgen Klopp sind eine rühmliche Ausnahme, wenn sie nach Ankunft in Dortmund zum Wählen gefahren werden. Viele Sportler sind zu politischen Statements auch nicht in der Lage. Es geht ja nicht nur darum, informiert zu sein, sondern auch, die richtigen Worte zu finden. Ich glaube, dass die meisten nicht die kommunikative Kompetenz besitzen, sich angesichts schreiender Ungerechtigkeiten angemessen auszudrücken.

ZEIT ONLINE: Sind Sportler zu dumm?

Gebauer: Nein, auf keinen Fall. Formel-1-Fahrer oder Zehnkämpfer oder Schwimmer brauchen erhebliche intellektuelle Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein. Sie haben nur nicht die Kompetenz, sich in bestimmten Situationen adäquat, ergreifend und eindrucksvoll auszudrücken. Wenn doch, ist das schön. Über das Lahm-Interview habe ich mich gefreut, auch darüber, dass Joachim Löw sich geäußert hat . Das zeigt, dass wir es im deutschen Fußball heute mit klugen, politisch denkenden Menschen zu tun haben. Das war nicht immer so.

ZEIT ONLINE: Berti Vogts sagte bei der WM 1978 während der Militärdiktatur in Argentinien , er habe keine politischen Gefangenen gesehen. Und Mario Basler soll in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gefragt haben : "Trainer, hat’s so was wirklich gegeben?"

Gebauer: Da hat sich was gewandelt. Der moderne Sport setzt Grips voraus. Das hat er früher in diesem Ausmaß nicht getan. Heute müssen Trainingspläne erfüllt werden und verschiedene taktischen Varianten im Kopf sein. Kein Spieler einer Spitzenmannschaft kann sich heute erlauben, eine Gehirnwindung weniger zu haben. Oder sie nicht zu benutzen.

ZEIT ONLINE: Die gestiegene Komplexität des Sports bringt reflektiertere Typen mit sich?

Gebauer: Sie müssen nicht unbedingt reflektierter sein, aber sie müssen ihr Gehirn häufiger benutzen. Früher reichte Instinkt aus, um einen guten Pass zu spielen. Das geht übrigens ohne Nachdenken viel besser, was immer das Elend der intellektuellen Sportler ausmachte. Aber heute werden mehr Geistesfähigkeiten verlangt.

ZEIT ONLINE: Hören mehr Leute hin, wenn Philipp Lahm sich äußert, als, sagen wir, bei Claudia Roth . Können Sportler Menschen für ein Thema sensibilisieren, die die Politiker schon längst nicht mehr erreichen?

Gebauer: Das ist durchaus möglich. Vielleicht nicht im Fall der Ukraine, der uns Deutsche wohl nicht um die Nachtruhe bringt. Aber bei Themen, die uns näher liegen, Rassismus, Homophobie, Anerkennung von Minderheiten, macht das schon Eindruck. Wenn Leute sich ausdrücken, bei denen Ansehen, Intelligenz und sportliche Qualifikation stimmen, kann das die Herzen und Köpfe der Menschen erreichen.