ZEIT ONLINE: Herr Gündogan, am Dienstag verkündet Jogi Löw das endgültige Aufgebot für die Europameisterschaft. Sie gelten als einer der möglichen Streichkandidaten. Beschäftigen Sie sich umso mehr mit dem Gedanken, dass es am Ende für Sie nicht ganz reichen könnte, je näher der Tag rückt?

Ilkay Gündogan: Ich versuche eher, das zu verdrängen. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht daran denke. Und wie groß die Enttäuschung sein würde, wenn es nicht klappt. Wer jetzt hier im Trainingslager ist, der muss sie nicht mehr alle haben, wenn er sagt, dass ihm das nichts ausmachen würde. Jeder will den endgültigen Sprung schaffen. Ich habe mir aber vorgenommen, es als Ansporn zu nehmen, wenn ich nicht dabei bin.

ZEIT ONLINE: Fängt man an, jedes Zeichen, jede Bemerkung im Training im Hinblick auf die Entscheidung zu deuten?

Gündogan: Ich nehme natürlich sowohl Lob als auch Kritik wahr. Aber ich lege das nicht alles abends auf die Waage und gucke, was schwerer wiegt. Ich versuche einfach, meine Leistung auf dem Platz zu zeigen. Mehr kann ich nicht tun.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie denn Feedback über Ihre Leistung auf dem Platz?

Gündogan: Bisher gab es mit dem Bundestrainer nur ein Gespräch, das war direkt nach meiner Anreise im Trainingslager in Sardinien . Da stand aber das Sportliche nicht im Vordergrund, sondern er hat mich zur Meisterschaft und zum Pokalsieg beglückwünscht, mir Fragen gestellt zu meinem Fitnesszustand und wie ich mich fühle. Ich gehe davon aus, dass ich im Moment nicht allzu viel falsch mache. Klar läuft nicht alles perfekt. Aber ich habe ein gutes Gefühl.

ZEIT ONLINE: Falls es nicht klappt: Was machen Sie dann ab kommender Woche?

Gündogan: Gute Frage. Mein Onkel heiratet, da wird es ein Fest geben, zu dem ich natürlich gehen würde. Dann würde ich wohl in den Urlaub fahren und dort die EM verfolgen.

ZEIT ONLINE: Die vergangene Saison war für Sie eine Achterbahnfahrt: Sie kamen als U-21-Nationalspieler nach Dortmund , wurden von Joachim Löw berufen, dann ging es zurück in die U21, jetzt sind Sie wieder bei der Nationalmannschaft. In der Liga saßen Sie zwischendurch sogar auf der Tribüne, bevor Sie eine tolle Rückrunde spielten. Hat Ihnen das geholfen, Rückschläge in Zukunft besser verarbeiten zu können?

Gündogan: Für mich war das alles in allem eine gute Erfahrung, weil ich Enttäuschungen jetzt besser einordnen kann. Ich habe alles daran gesetzt, aus diesem Tief rauszukommen, mit dem Wissen, dass ich das auch früher schon geschafft habe, wenn ich mal verletzt war oder es nicht so gut lief. Am Ende bin ich stärker gewesen als vorher. Deshalb habe ich es mir auch verdient, dass ich hier bei der Nationalmannschaft sein darf.

ZEIT ONLINE: In wenigen Wochen wurden Sie vom Zukunftsspieler zum Fehleinkauf und dann wieder zum Zukunftsspieler. Was sagt Ihnen das über die Branche?

Gündogan: Es zeigt mir ihre Schnelllebigkeit, du kannst heute ganz oben stehen und am nächsten Tag ganz unten. Umgekehrt genauso. Ich habe gelernt, klar im Kopf zu bleiben, mich nicht damit zu beschäftigen. Der BVB hat mich da sehr unterstützt. Jürgen Klopp hat mir damit geholfen, als er mich aus dem Kader genommen hat und ich auf der Tribüne saß, das habe ich nicht als negativ empfunden. Es war gut, dass der Druck mal weg war. Vielleicht ist es im Endeffekt positiv, dass die Saison so verlaufen ist, denn jetzt läuft es umso besser und ich kann es viel mehr genießen und wertschätzen.

ZEIT ONLINE: Mit wem sprechen Sie, wenn es nicht so gut läuft?

Gündogan: Ich mache das mit mir selbst aus. Ich mag es nicht, über solche Gefühle und Gedanken zu reden, auch über die positiven nicht. Ich bin da eher introvertiert und muss das nicht loswerden, auch nicht in der Familie. Meine Familie sagt immer: Red doch mal mehr mit uns! Ruf uns doch mal an! Ich fresse das lieber in mich hinein.