Im Mai entfaltet Kiew seine ganze Pracht. Über dem Steilufer des Flusses Dnjepr leuchten die goldenen Kuppeln des Höhlenklosters. Blütenduft weht durch die Straßen. "Die Kastanien stehen voller Kerzen, rosagelbe Federbusch-Knallbonbons. Junge Damen in geschmuggelten Seidenjacketts." So beschrieb der russische Dichter Osip Mandelstam vor 100 Jahren die Frühlingsgefühle auf den Boulevards in Kiew.

Viktor Janukowitsch drückt sich prosaischer aus. "Wenn in Kiew die Kastanien blühen, lassen unsere Frauen ihre Hüllen fallen", sagt der ukrainische Präsident. So macht der Staatschef Werbung für die Fußball-Europameisterschaft. Er sorgt sich, dass die gestiegenen Hotelpreise , die Bombenanschläge in Dnjepropetrowsk sowie der Streit um Julija Timoschenko und die Demokratiedefizite im Land Touristen abschrecken könnten. Janukowitsch setzt dagegen den Sexappeal junger Ukrainerinnen.

Optische Bestätigung findet er auf der Kiewer Prachtstraße Chreschtschatik. Dort geht es ums Sehen und Gesehenwerden. Im Mai sind die Röcke kurz, die Absätze hoch. "Aber das ist keine Einladung an westliche Sextouristen", stellt Oksana Matijasch klar. Die junge Frau engagiert sich seit Jahren in der ukrainischen Aids-Allianz und hilft vor allem Prostituierten im Land. "Es gibt ein Bild ukrainischer Frauen, das mit der Realität nichts zu tun hat. Niemand ist hier einfach so zu haben. Alle haben wir unsere Würde. Auch die Sexarbeiterinnen."

Beruf Sexarbeiterin

Matijasch spricht ruhig und geradezu provozierend nüchtern angesichts eines Themas, das mit Krankheit und Leid, Gewalt, Angst und Verachtung verbunden ist. Die Sachlichkeit ist ebenso Programm wie die Bezeichnung Sexarbeiterin. "Der Begriff ist eher neutral und signalisiert, dass von einem Beruf die Rede ist", erklärt Matijasch. Eine ganz normale Arbeit also?

Rund 180.000 Prostituierte gibt es in der Ukraine . Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte, sagt Matijasch. Es gebe jene, die vorankommen wollen und Geld mit Sexarbeit verdienen. Andere werden von ihren Ehemännern gezwungen oder müssen das Überleben der Familie sichern, weil sie kranke Kinder oder Großeltern zu Hause pflegen. Wirtschaftliche Not spielt oft eine Rolle. Im Land liegt der Durchschnittslohn bei umgerechnet 250 Euro.

Fußballfans als Sextouristen?

Aids verschärft die Lage. Die Ukraine hat die höchste HIV-Ansteckungsrate in Europa . Rund 350.000 Menschen tragen das Virus in sich, schätzt die Weltgesundheitsorganisation – fünfmal so viele wie in Deutschland, und das bei nur etwa halb so viel Einwohnern. Etwa jede zehnte Prostituierte in der Ukraine ist infiziert. "Aber die Sexarbeiterinnen wissen um die Gefahren der HIV-Verbreitung. Es sind eher die Freier, die mehr Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen müssten. Oft zahlen sie den doppelten Preis für Sex ohne Kondom", sagt Matijasch. Die ukrainischen Gesetze stellen Prostitution unter Strafe. Freier werden nicht belangt.

Im Juni wird sich der Chreschtschatik in die EM-Fanmeile verwandeln. Wie viele Fußball-Freunde als Sextouristen anreisen, ist offen. Die berühmt-berüchtigte Kiewer Nacktprotestgruppe Femen warnt mit Oben-Ohne-Demonstrationen vor einem Boom der Sexindustrie. Experten sind skeptisch. In Erinnerung geblieben sind die Bilder von gelangweilten Prostituierten bei der Weltmeisterschaft in Deutschland 2006. Während sich die Fans den Spielen und den bierseligen Feiern hingaben, blieben die Rotlichtbezirke leer.