Eines steht fest: Am 30. Mai 2012 wird die Schachweltmeisterschaft allerspätestens entschieden sein, zur Not nach einer Art Elfmeterschießen, wie es sie im Kampf um die Krone des königlichen Spiels noch nicht gegeben hat. Bis dahin ist alles ungewiss.

Die zehnte Partie am Donnerstag hätte die Vorentscheidung bringen können, wenn es Weltmeister Viswanathan Anand gelungen wäre, aus seinem Anzugsvorteil irgendetwas herauszuholen. Der erste Zug im Schach ist so etwas wie der Aufschlag im Tennis; unter ebenbürtigen Spielern gewinnt Weiß mehr Partien als Schwarz. Der Nachziehende muss danach trachten, dieses Plus möglichst effektiv zu neutralisieren. Boris Gelfand ist dies gelungen.

Anand startet mit dem Doppelschritt des Königsbauern. Gelfand erwidert 1. … c5, Sizilianisch, wie schon einmal in diesem Match vorgekommen. Aber der Weltmeister gibt der Partie im dritten Zug eine andere Richtung, indem er seinen Königsläufer weit herauszieht, bis in die gegnerische Hälfte hinein, auf die fünfte Reihe. Weiter wird in dieser Partie keine seiner Figuren mehr kommen, und auch der Läufer wird nach kurzem Aufenthalt abgetauscht.

Dafür hat Gelfand ein Überraschungsei dabei. Im dritten Zug zieht er seinen Königsbauern einen Schritt vor, im fünften noch einen Schritt. Das widerspricht dem bekannten Prinzip, Bauern und Figuren in der Eröffung möglichst nicht mehrmals zu ziehen, sondern auf gleichmäßige Entwicklung aller Streitkräfte zu achten. Überdies ist der schwarze Bauer ungedeckt. Der weiße Königsspringer kommt und schnappt ihn weg!

Aber so widersprüchlich ist es im Schach. Auf Bauernregeln ist kein Verlass. Das Allgemeingültige gilt nur bis zum Eintritt des Spezialfalls. Der Bauer ist nicht dauerhaft weg, denn Schwarz kommt mit der Dame, vertreibt den Springer, schnappt sich ihrerseits den weißen Königsbauern und lässt nebenher ihre Bodentruppen den weißen Damenflügel abriegeln.

Sieben der ersten elf Züge des Schwarzen sind Bauernzüge. Den e-Bauern zieht Gelfand zweimal, den d-Bauern sogar dreimal. Drei Züge mit der Dame kommen hinzu, und nur eine Leichtfigur bewegt er – jeder Schachlehrer würde einem das ausreden. Vielleicht ist der fünfte Zug von Schwarz deshalb weltweit kaum je gespielt worden. Auf Meisterebene eine Neuerung!

Stellung vor dem 5. Zug von Schwarz © Wikipedia

Die Kommentatoren zeigen sich überrascht, "eine sehr neue Position", meint anerkennend der russische Großmeister Peter Swidler. "Schwarz geht es gut hier." Eine Einschätzung, die sich im weiteren Verlauf bestätigt.

Schwarz hat Ausgleich. Anand kann das nicht recht sein. Als Gelfand ihm im 21. Zug Remis anbietet, lehnt er ab. Er will, er muss noch was versuchen.

Vier Züge später schlägt er dann selber Remis vor, und man schüttelt die Hände. Es steht nun 5:5.

Zwei Stunden und elf Minuten hat diese Partie gedauert, nicht eben viel. Und nach dem hübschen Auftakt geschah nichts Atemberaubendes mehr. Für die Zuschauer ist das nach den letzten drei sehr bewegenden Runden eine gewisse Enttäuschung.

Gelfand sieht das anders. Moralisch geht die Runde an ihn. Er hat in seiner vorletzten Schwarzpartie nicht gezittert und nicht gewackelt. Wenn er am Sonnabend mit Weiß zuschlägt und dann am Montag mit Schwarz remis hält, ist er Weltmeister. Umgekehrt gilt dies für Anand.

Wenn es aber weder dem einen noch dem anderen gelingt, dann trifft man sich am Mittwoch zu Schnell- und Blitzpartien. Das ist dann ein Elfmeterschießen auf 64 Feldern.