Wie sehr es Publikum und Presse auf der Schach-WM nach einem Sieg verlangt hat, wird deutlich, als der Sieg nach sechs Remis in Folge endlich da ist. Beifall und Hochrufe im Spielsaal, Applaus auf der Pressekonferenz, und noch als der siegreiche Boris Gelfand anschließend aus der Tretjakow-Galerie ins Freie stürmt – hinaus in den milden Abend dieses heißen Moskauer Frühlingstags – beklatschen ihn die Umstehenden.

Was für ein Moment! Boris Gelfand gewinnt gegen Viswanathan Anand , zum ersten Mal seit 1993. Wie oft hatte man diese Jahreszahl in den ersten Tagen der WM gehört. So als ob der Herausforderer nie mehr eine Partie gegen den Weltmeister würde gewinnen können, hatte er doch so lange nicht gegen ihn gewonnen.

Gelfand hat in dieser siebten Runde Weiß, denn nach der Halbzeit des Kampfes wechselt die Farbvergabe. Er eröffnet mit dem Doppelschritt des Damenbauern wie in allen seinen Weißpartien zuvor. Und Anand steuert dieselbe Variante des Slawischen Damengambits an wie bisher. Stets hatte er etwas schlechter gestanden, seine Probleme aber lösen können. Im sechsten Zug weicht Gelfand vom bekannten Schema ab und schiebt seinen c-Bauern auf die fünfte Reihe, schließt das Zentrum Raum gewinnend ab.

Nun geht es darum, ob er sein Territorium behaupten kann, oder ob Schwarz die Bauernphalanx vom Rand her aufsprengen kann. Schwarz muss aber auch zusehen, dass er seinen Damenläufer ins Spiel bringt. Der ist eingesperrt hinter seinen eigenen Bauern.

Gelfands Züge in der von ihm gewählten seltenen Variante kommen ohne Verzug, er hat offenbar viele Möglichkeiten der Position im Vorhinein mit seinem Team studiert. Anand beseitigt den vorgepreschten Bauern, dann öffnet er das Zentrum durch einen Tausch. Weiß hat jetzt die schlechtere Bauernstellung, in einem Endspiel käme das irgendwann Schwarz zupass. Anand gelingt es auch, seinem König Ruhe zu verschaffen. Er schüttelt den lästigen weißen Damenläufer ab; vielleicht wird er es auch diesmal wieder schaffen, die weiße Aktivität auszugleichen.

Aber da steht und steht immer noch dieser Sorgenläufer. Er geht einen Schritt nach vorn, dann geht er wieder zurück. Das war's. Die weiße Dame dringt über die vom vorgeschickten Bauern geöffnete c-Linie tief ins feindliche Lager ein, und ihr Abtausch mindert die schwarze Not nicht. Plötzlich steht ein weißer Turm auf der siebten Reihe, und die vier verbliebenen schwarzen Figuren drücken sich allesamt am Rand herum.

Anand läuft die Zeit davon

Im Saal sind so viele Leute wie noch an keinem Tag dieser WM. Wer keinen Sitzplatz findet, steht auf dem Gang. Das Ausharren lohnt sich. Man spürt die Spannung auf der Bühne. Einmal will Anand ziehen, dann lässt er es im letzten Moment und überlegt noch einmal. Solche Unbeherrschtheit sieht man bei ihm selten. Gelfand hält es nicht auf seinem Stuhl. Er macht einen Zug und zieht seine Runden über die Bühne. Mal umkreist er den Tisch, mal verschwindet er nach hinten zu den Getränken. Er muss nicht aufs Brett schauen, er hat die Stellung im Kopf.

Anand, der einst als schnellster Spieler der Welt galt, überlegt und überlegt und überlegt. Die Zeit läuft ihm davon. Auch im Publikum steigt die Pulsfrequenz. Es sind nur noch Minuten bis zur Entscheidung. Anand opfert seinen Sorgenläufer, wirft ihn Gelfand zum Fraß vor, um Zeit zu gewinnen für eine letzte Falle. Im Nu steht ein schwarzer Bauer auf der zweiten Reihe; gleich wird er zur Dame, und dann könnte Anand noch einmal alles drehen. Aber Gelfand hat es gesehen. Er gönnt Anand die Dame: Hol sie dir ruhig, dann setz ich dich matt.

Anand holt sich die Dame nicht. Er reicht nach Gelfands 38. Zug die Hand über das Brett. Jubelrufe im Saal. Es gibt viele Gelfand-Fans in Moskau . Die Uhr wird angehalten. Für seine letzten drei Züge bis zur Zeitkontrolle wären Anand noch 50 Sekunden geblieben.

Auf der Pressekonferenz ist Gelfand, der zuletzt locker und spöttisch auftrat, plötzlich ernst und unbewegt, wie es sich für einen historischen Moment gehört. Jedes Triumphgebaren liegt ihm fern – auch wenn er weiß, was Anand und alle anderen jetzt wissen. Er hat das Zeug, der 16. Weltmeister der Schachgeschichte zu werden.

Fünf Runden bleiben Anand, den Rückstand aufzuholen. Am Montag geht der Kampf weiter.