Nach einer Woche mit einer Remispartie nach der anderen überschlagen sich die Ereignisse auf der Schach-WM. Am Sonntag war dem Herausforderer Boris Gelfand in der siebten Runde ein lehrbuchhafter Triumph gegen Weltmeister Viswanathan Anand gelungen. Zug um Zug und in aller Seelenruhe hatte er einen kleinen strategischen Vorteil in einen Sieg verwandelt.

Was wird Anand jetzt tun? Das war die Frage zu Beginn der achten Partie. Publikum und Experten hoffen auf mehr Schärfe als bisher. Anand eröffnet mit dem Damenbauern, Gelfand steuert Grünfeld-Indisch an, jene dynamische Verteidigung, die schon zweimal auf dem Brett war. Zunächst ist alles wie gehabt. "Anand hebelt Grünfeld aus", das wäre am Ende des Tages eine Schlagzeile nach dem Geschmack der Anandianer. Aber es soll anders kommen.

Gelfand bleibt auf Überraschungskurs. In jeder bisherigen Partie hat er die Akzente gesetzt. Er spielt jetzt nicht grünfeldtypisch den Damenbauern vor, sondern seinen c-Bauern. Ein ganz anderer Stellungstyp entsteht. Weiß riegelt das Zentrum ab und hat enormen Raumvorteil – auf Kosten der Entwicklung. Von den ersten sechs weißen Zügen sind fünf Bauernzüge. Und dann zieht Anand auch noch zweimal mit dem selben Springer. Im Schachkindergarten lernt man etwas anderes.

Gelfand setzt der Eigenwilligkeit noch größere Eigenwilligkeit entgegen. Im siebten Zug spielt er seinen Königsspringer an den Rand, um Weiß zu noch einem weiteren Bauernvorstoß zu verleiten. "Der Zug ist ein Schocker", sagt der ungarische Großmeister Peter Leko, der im Jahre 2004 im schweizerischen Brissago gegen Vladimir Kramnik selbst einmal um Weltmeisterschaft kämpfte und jetzt im Kommentarraum sitzt.

In den Schachdatenbanken mit Millionen gespeicherter Partien sucht man Gelfands Springerzug vergebens. Anand lässt sich nicht verführen und spielt seinen Damenläufer heraus. Es geht jetzt auch um Psychologie. Erwartung versus Enttäuschung, Provokation versus Coolness. Gelfand lässt nicht locker. Er setzt noch eins drauf. Zur Überraschung aller zieht er seinen Königsläufer vor die Rochadestellung und bietet ihm den gegnerischen Damenläufer zum Tausch an. "So etwas habe ich noch nie gesehen", murmelt Leko. Anand nimmt den Läufer, und beim Wiedernehmen macht Schwarz sich noch einen Doppelbauern.

Einige Züge lang stehen die Meister vor den Bildschirmen außerhalb des Spielsaals und fragen sich, was hier eigentlich gespielt wird. Leko sagt: "Eben noch war es gut für Vishy, jetzt bin ich mir nicht mehr sicher."

Jetzt öffnet Anand auch noch die zentrale e-Linie. An ihrem einen Ende steht der weiße König, an ihrem anderen Ende wird gleich ein schwarzer Turm auftauchen und Schach geben. Der älteste Großmeister der Welt, der 90-jährige Juri Awerbach , eine lebende Legende des russischen Schachs, sagt: "Ich glaube, Schwarz hat keine Probleme in dieser Stellung." 

Sicher ist, dass diese aufgewühlte achte Partie mit der aufgeräumten siebten Partie nichts mehr zu tun hat. Was macht Gelfand da? Sucht er die sofortige Entscheidung? Russlands bester Schachkommentator, Sergej Schipow , hatte zu Beginn der Runde gemeint: "Schwer zu sagen, was der lang ersehnte Erfolg mit Boris machen wird. Erfolg bringt Selbstbewusstsein, er inspiriert dich, aber negative Nebeneffekte sind auch möglich. Zum Beispiel Taumel, Verlust der Wachsamkeit, den Gegner unterschätzen und so weiter." Auf der anderen Seite sei Gelfand kein junger Mann, sondern aufrecht und ernsthaft. "Es ist unwahrscheinlich, dass er schwere Fehler begehen wird..."

Wie Recht Schipow hat mit seinen Befürchtungen und wie sehr er sich irrt im Versuch, sie zu zerstreuen...