Der Spielsaal ähnelt einem Hörsaal, relativ eng, in die Höhe gestaffelt, abgedunkelt – alle Konzentration soll sich auf die hell erleuchtete Bühne am unteren Ende richten. In ihrer Mitte befindet sich ein Tisch mit einem Schachbrett darauf. Die Figuren sind aus edlem Holz geschnitzt und innen mit Metall beschwert. Sie sollen gut in der Hand liegen und sicher stehen. Das Brett ist verkabelt; jeder Zug wird von Sensoren erfasst und elektronisch ins Netz übermittelt. Kameras auf der Bühne nehmen die Spieler in den Blick, für die Videoübertragung. Was die Zuschauer im Saal sehen, soll die ganze Welt sehen.

Eine Glasscheibe trennt die Bühne vom Saal; sie reicht vom Boden bis zur Decke. Kein Laut aus dem Publikum darf die Akteure stören. Die nächsten Stunden sollen allein ihnen gehören, ihren stillen Absichten und Plänen, ihrer stillen Lust am Kampf, ihrer stillen Angst.

Am Freitag kurz vor 15 Uhr drängeln sich Dutzende Fernsehteams und Fotografen vor der Glaswand in der Moskauer Tretjakow-Galerie. Nichts ist zu hören im Hörsaal, nur das Rattern der Fotoapparate. Bitte nicht blitzen! Eine Digitaluhr zeigt den Countdown. Noch 3 Minuten und 49 Sekunden bis zum ersten Zug.

Die erste Partie der Schachweltmeisterschaft 2012 – jetzt kommt es drauf an, jetzt nur nichts falsch machen. Jetzt gleich den richtigen Ton treffen, in aller Stille.

Für Gelfand ist es das erste WM-Finale

Der Herausforderer erscheint. Boris Gelfand aus Israel zeigt sich der Welt. Die Fotografen drehen schier durch, es geht jetzt um Nuancen. Zum Glück hat er einen Charakterkopf. Jede Furche, jede Falte will festgehalten sein.

Wo bleibt Anand? Warum sitzt Gelfand minutenlang einfach nur da? Testet er die Intensität des Interesses an ihm? Wie es sich anfühlt, da auf der Bühne jetzt drei Wochen lang zu sitzen? Oder nutzt er die letzten Momente vor seinem ersten WM-Finale, um sich an die Spannung zwischen seinen innersten Regungen und ihrer globalen Wahrnehmung zu gewöhnen?

Anand erscheint, Beifall brandet auf: Der Weltmeister aus Indien ist da! Er gibt seinem Gegenüber die Hand, die beiden kennen und schätzen einander. Unfreundlichkeiten und Mätzchen sind ihre Sache nicht.