Eine Weltmeisterschaft im Schach hat Regeln, die in keiner Ausschreibung stehen. Regel Nummer eins lautet: Der ersten Partie kommt besondere Bedeutung zu. Sie intoniert den Kampf wie ein Auftakt das ihm folgende Lied.

Betrachtet man die seit Freitag in Moskau laufende Schach-WM unter diesem Aspekt, lässt sich feststellen: Der Herausforderer Boris Gelfand hat durch die Wahl einer sehr aktiven, von ihm zuvor noch nie gespielten Eröffnung den ersten Akzent gesetzt und das mit Schwarz. Er hat dem Weltmeister Viswanathan Anand seine Ambition gleich in der ersten Partie gezeigt, auch wenn nur ein Unentschieden dabei herausgekommen ist.

Aber was heißt nur? "Die Experten, die Anand einen erdrutschartigen Sieg prophezeit hatten, können noch einmal in sich gehen und ihre Tonlage mäßigen", schreibt der russische WM-Kommentator Sergej Schipow am Sonnabend in seiner herausragenden Analyse des Matchbeginns .

Die zweite ungeschriebene Regel einer Schach-WM lautet: Auch der zweiten Partie kommt besondere Bedeutung zu. Denn jetzt wechseln die Duellanten erstmals die Seiten. Erst nach der zweiten Partie ist eine hinsichtlich der Farbverteilung ausbalancierte Zwischenbetrachtung möglich.

Hätte Gelfand die zweite Partie gewonnen, hätte er viel gewonnen gehabt. Es wäre zudem ein spektakulärer Beginn der WM gewesen. Aber auch die zweite Partie endete unentschieden. Man könnte somit versucht sein, Gelfand und Anand nun gleichauf zu sehen. Ganz so ist es nicht. Denn der Herausforderer hatte in der zweiten Partie aus der Eröffnung heraus wieder einen gewissen Druck, ohne selber in Gefahr zu sein. Anand konnte wieder neutralisieren. Wieder Remis. Doch von einem Weltmeister erwartet man mehr als nur schnöde Abwehr.

Gelfand hat, um das eben zu erzählen, die zweite Partie mit dem Damenbauern eröffnet. Anand hat sich, passend zum Austragungsland der WM , Slawisch verteidigt – so nennen die Schachtheoretiker eine bewährte Zugfolge des Damengambits.