Ohne Bayern geht es nicht. Zwei Wochen vor dem ersten EM-Spiel gegen Portugal hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit der ersten Niederlage in der Schweiz seit 71 Jahren ein ernüchterndes Testspielergebnis vorgelegt. Beim 3:5 (1:2) in Basel offenbarte das Team von Bundestrainer Joachim Löw erstaunliche Mängel. Insbesondere im Defensivverhalten war die DFB-Auswahl ohne die acht Münchner Akteure von einer Turnierreife weit entfernt.

Die Abwehr vor dem überraschend im Tor eingesetzten Debütanten Marc-André ter Stegen zeigte sich bei den schweizerischen Gegentoren, geschossen vom Leverkusener Eren Derdiyok sowie von Stephan Lichtsteiner und Admir Mehmedi, orientierungslos. Der Dortmunder Mats Hummels traf zwar zu seinem ersten Tor als Nationalspieler, betrieb damit aber ebenso wie die beiden anderen deutschen Torschützen Andre Schürrle und Marco Reus im St. Jakob-Park lediglich Schadensbegrenzung. Auf Löw wartet nach der Rückkehr in das Trainingslager in Südfrankreich noch sehr viel Arbeit.

Besonders im Blickpunkt stand in Basel die Defensive. Sie fiel bei dem Test ganz klar durch. Die Viererkette vor ter Stegen, der ein ordentliches Debüt zwischen den Pfosten gab, wirkte desolat und kassierte erstmals unter Löw fünf Gegentore. Per Mertesacker wurde während seines ersten Wettkampfs nach dreimonatiger Pause wegen einer Fußverletzung nicht zum erhofften Abwehrchef, aber auch die Nebenleute Hummels, Benedikt Höwedes und Marcel Schmelzer waren gegen die schnelleren Schweizer immer wieder zu langsam.

Im Angriff richteten sich alle Augen auf Miroslav Klose , der in seinem 115. DFB-Einsatz nochmals Spielpraxis sammeln sollte. Doch der Kapitän fand ebenso wenig Bindung zum Spiel wie Lukas Podolski , dem jegliche Explosivität fehlte. Kloses einzigen Torschuss (49.) meisterte Diego Benaglio im Schweizer Tor sicher. Auch Mario Götze und Mesut Özil , der nach der Pause von Marco Reus abgelöst wurde, hatten mit schweren Beinen zu kämpfen. Reus belebte das deutsche Spiel und auch der 20 Minuten vor dem Ende gekommene Neuling Julian Drexler trat frisch auf.

Gegen die Auswahl von Ottmar Hitzfeld sah das Spiel der deutschen Mannschaft oft eher nach Sommerfußball denn nach einem ernsthaften EM-Test aus. Trotz 7:1 Ecken für die Löw-Schützlinge in den ersten 18 Minuten kamen die Schweizer zur ersten Chance. Derdiyoks Kopfball flog jedoch knapp am Tor vorbei (15.).

Dann wurde die deutsche Mannschaft für ihre Nachlässigkeit in der Defensive bestraft. Ein Ballverlust von Mario Götze im Mittelfeld brachte Tranquillo Barnetta ins Spiel, von dem Benedikt Höwedes meist nur die Hacken sah. Der Leverkusener setzte sich auf der linken Seite energisch durch und passte zu seinem Clubkollegen Derdiyok, der mühelos zum 1:0 vollstreckte. Nur zwei Minuten später war die Abwehr abermals falsch gestaffelt, als Barnetta auf der linken Seite davonzog und nach innen flankte. Unbehelligt von Mertesacker konnte Derdiyok sich per Kopf beim 2:0 die Ecke aussuchen.

Weitere 120 Sekunden später wäre die Unordnung im Defensivverbund beinahe ein drittes Mal bestraft worden. Mit einer Blitzreaktion gegen den frei auf ihn zulaufenden Derdiyok verhinderte Debütant ter Stegen einen Dreierpack des Schweizers innerhalb von fünf Minuten. Als Derdiyok den überforderten Hummels aussteigen ließ, zirkelte Mehmedi den Ball aus 18 Metern knapp am deutschen Tor vorbei. Mit dem Kopfballtreffer nach Özil-Freistoß gestaltete Hummels eine schwache erste DFB-Halbzeit wenigstens etwas freundlicher.

Egal was Löw seinen Spielern in der Halbzeit gesagt haben mochte, auf dem Rasen änderte sich nichts. Nach Freistoß-Flanke von Barnetta kam Derdiyok mit dem Kopf vor Mertesacker an den Ball und traf zum dritten Mal. In die deutschen Aktionen kam mit Reus mehr Leben. Der künftige Dortmunder hatte in der 59. Minute mit einem Heber Pech. Besser machte es Schürrle, der mit freundlicher Unterstützung von Benaglio zum sechsten Tor im 13. Länderspiel kam. Bei Lichtsteiners Kopfball-Tor zum 4:2 machte auch ter Stegen erstmals keine glückliche Figur. Nach Reus' Anschlusstor bestrafte Mehmedi die Auflösungserscheinungen in der deutschen Hintermannschaft mit dem 5:3.

Schweiz: Benaglio - Lichtsteiner, von Bergen, Senderos, Ziegler - Fernandes, Inler - Xhaka, Mehmedi, Barnetta - Derdiyok

Deutschland: ter Stegen - Höwedes, Mertesacker, Hummels, Schmelzer - Khedira - Schürrle, Götze, Özil, Podolski - Klose

Schiedsrichter: Gautier

Zuschauer: 27.381

Tore: 1:0 Derdiyok (21.), 2:0 Derdiyok (23.), 2:1 Hummels (45.), 3:1 Derdiyok (50.), 3:2 Götze (64.), 4:2 Lichtsteiner (67.), 4:3 Reus (72.), 5:3 Mehmedi (76.)

Gelbe Karten: Inler / Hummels

Beste Spieler: Barnetta, Derdiyok, Inler / Reus, Schürrle