Gibt es den Begriff Raben-Pate? So komme ich mir jedenfalls vor. Eigentlich ist es ja eine tolle Aufgabe, ein Team während einer EM zu betreuen. Ihm beizustehen, in guten Zeiten und in schlechten. Aber so richtig werde ich dieser Aufgabe diesmal nicht gerecht. Was hätte man nicht alles Witziges vorbereiten können für so einen Spielbericht!

Aber irgendwie passt es nicht. Gerade zu Hause angekommen, eben noch beim Fiskalpakt gewesen. Der kleine Sohn lacht und weint im Nebenzimmer. Die E-Mails trudeln weiter ein. Und dann spielen ja auch gleich die Deutschen.

Mein Spiel ist auf jeden Fall spannend. Die Dänen beginnen druckvoll. Erste Ecke nach zwei Minuten, die zweite nach drei, die dritte nach vier. Das Selbstbewusstsein, das meine Dänen aus dem Sieg im ersten Spiel gegen Holland getankt haben, ist ihnen noch anzumerken. Der dänische Stürmerstar Nicklas Bendtner, laut Süddeutscher Zeitung ein Glamourboy erster Güte, hat offenbar nicht zu unrecht verkündet: Die Gruppe B bestehe "nicht aus drei starken Mannschaften, sondern aus vier". Deutschland und Portugal sollen sich bloß vorsehen.

Die Portugiesen wirken dagegen anfangs reichlich harmlos, noch eingeschüchtert von Hummels, Khedira und Gomez. Ronaldo knattert ein, zwei Bälle weit übers Tor. Ansonsten: Fehlpässe und Zweikämpfe, einer davon so heftig, dass der dänische Mittelfeldmotor Niki Zimling in der 15. Minute verletzt ausgewechselt werden muss.

Leider kippt das Spiel schnell. Portugal trifft plötzlich und etwas unverhofft. Erst Pepe in der 24. Minute, dann Postinga. 2:0 in der 36. Die dänische Defensive wirkt nun reichlich wackelig. War es doch vor allem Dusel, der zum Sieg gegen Holland verholfen hat, als Oranje den Ball trotz 21 Torschüssen nicht einmal reinmachte?

Von wegen: Die Dänen, wacker wie Wikinger, stemmen sich gegen die Niederlage. Eriksen scheitert noch am Keeper. Kurz darauf gelingt Bendtner, dem Beau, Sie wissen schon, der Anschlusstreffer. 40. Minute. Psychologisch wichtiger Zeitpunkt, wie es so schön heißt.

In der Halbzeitpause grinst Oli Kahn zwischen zwei Werbeblöcken. Das Spiel der deutschen Elf beginnt in knapp zwei Stunden mit derselben Startaufstellung wie gegen Portugal. Der Sohn haut im Nebenzimmer irgendwas auf den Fußboden. Schnell schon mal anzufangen zu schreiben. Wie einsteigen? Wirklich mit dem Raben-Paten?

Die zweite Hälfte startet weniger packend. "Wir sind dankbar über jede im Ansatz gefährliche Situation", gähnt der Moderator in mein Wohnzimmer. Das Tempo ist überschaubar. Portugal mauert und kontert. Zweimal steht Ronaldo frei vorm Torwart und scheitert kläglich. Immer noch kein Tor für ihn bei dieser EM, so wird das nichts mit dem Weltfußballer-Titel 2012.

Aber, noch ärger für ihn und ganz Portugal: Die fahrlässige Chancenverwertung rächt sich. Ich ertappe mich schon beim Gedanken ans Nachruf-Schreiben aufs Patenkind, da passiert’s: In der 80. Minute köpft Nicki Bendtner wieder, Jubel. Bestimmt freut sich jetzt auch die Schauspielerin, mit der er liiert ist, vielleicht sogar seine Ex, eine Baronin.

Das Star-Duell gewinnt Bendtner gegen Ronaldo in diesem Spiel locker. Doppelpack gegen Chancentod. In der 83. Minute versemmelt der Portugiese eine weitere. Seine Mitspieler vermeiden es daraufhin, ihn anzupassen. Das leider erfolgreich: Varela, der portugiesische Joker, knipst in der 87. Minute. Die Dänen fluchen und rennen noch mal an. Vergeblich.

Ein bisschen traurig bin ich dann doch. Ausgeschieden sind die Dänen zwar noch nicht. Aber fürs Weiterkommen müssten sie am Sonntag in Lemberg vermutlich die Deutschen schlagen. Und das wird schwer, mit oder ohne Raben-Paten.