Nach dem Spiel wurde Joachim Löw kritisch. Entschlossenheit hat er vermisst, seine Anordnungen wurden zu langsam umgesetzt, gab er zu verstehen. Ziel seiner Fehleranalyse war aber nicht seine Mannschaft, sondern ein Pole an der Außenlinie. "Ich muss mit dem vierten Mann hart ins Gericht gehen", sagte der Bundestrainer, "ich wollte schon zwei Minuten früher wechseln, doch er hat so lange gebraucht".

Marcin Borski, so heißt der Mann, muss nichts befürchten. Allenfalls den Dank der Deutschen, wie Löws typisches Schmunzeln verriet: Borski leistete einen wichtigen, wenn auch unfreiwilligen Beitrag zum deutschen Sieg gegen Portugal . Ohne ihn hätte die spielentscheidende Szene nicht stattfinden können.

Mitte der zweiten Halbzeit, als die deutschen Angriffsversuche zunehmend versandeten, wollte der Bundestrainer Mario Gomez vom Platz nehmen. Doch die beamtenhafte Betulichkeit des Mannes an der Außenlinie verzögerte diesen Vorgang um ein paar Momente. So stand Miroslav Klose noch an der Seitenlinie, als Gomez in der 72. Minute das Führungs- und spätere Siegtor schoss.

So fatal es gewesen wäre, Gomez vorher vom Platz zu nehmen, so falsch schien es, ihn nicht schon zur Halbzeit zu ersetzen, so falsch mutete es zwischenzeitig an, ihn überhaupt spielen zu lassen. Das Tor war einer der wenigen guten Momente im Offensivspiel von Gomez, der sich wie immer schwer in Kombinationen einbinden ließ. Es war ein bisschen wie bei Rechenaufgaben, bei denen man auf dem falschen Weg zum richtigen Ergebnis kommen kann.

Probleme im Mittelfeld, sicher in der Abwehr

Die Sache mit Gomez war nicht das Einzige, das gegen den Plan von Löw glückte. Er möchte analytisch vorgehen und mit attraktivem Angriffsfußball Titel gewinnen . Doch spielerisch blieb die Mannschaft weit unter ihrem Niveau. Gerade das gewöhnlich starke Mittelfeld kam schwer zurecht.

Bastian Schweinsteiger fehlte nach Verletzungen die Dynamik, Sami Khedira das Gefühl für den richtigen Moment zum Abspiel. Lukas Podolski und Thomas Müller ging die Genauigkeit ab. Mesut Özil stieß rechts, links, mittig, überall auf Mauern. So herrschte Stau auf dem Weg nach vorne, natürlich auch, weil die Portugiesen unter Anleitung des vorzüglichen Miguel Veloso die Räume gut verstellten. Wer Löw während des Spiels beobachtet hat, dem wird seine Unzufriedenheit mit dem Angriffsspiel nicht entgangen sein.

Stattdessen überzeugte die Defensive, die auch an diesem Abend mit den Vokabeln der "Arbeit" umschrieben wurde. "Wir haben vielleicht nicht so gespielt wie 2010, aber wir haben gut gekämpft", sagte Lukas Podolski. Am Ende, als die Portugiesen dem Ausgleich mehrfach nahe kamen, warfen sich die Deutschen wie beim Eishockey in die Schussbahnen. Dieser Einsatz gefällt jedem Trainer. "Bravourös gekämpft", lobte Löw seine Elf, "beide Mannschaften haben enorm gut verteidigt."