Am Ende, als alle schon im Bus saßen, der Motor dröhnte, stand Marco Reus immer noch da, er wollte gar nicht weg. Die Journalisten hingen über der Absperrung, die zwischen ihnen und Reus stand, sodass man fürchtete, sie könnte kippen und den schmalen Spieler unter einem Reporterpulk begraben. Marco Reus genoss es. Er hatte gespielt, für die Nationalmannschaft, zum ersten Mal bei einer EM, und sein zweites Länderspieltor geschossen. "Meine Leistung müssen andere beurteilen", sagte er bescheiden, eine Fußballer-Floskel, die sich leicht daher sagt, wenn vollkommen klar ist, wie diese Beurteilung ausfällt: Reus, so die einhellige Meinung, war die Belebung, die dem deutschen Spiel in der Vorrunde ab und an gefehlt hatte.

Die Mixed Zone, wo Journalisten und Fußballer nach dem Spiel aufeinandertreffen, ist eine Art Börse. Gehandelt wird mit Spielerzitaten, und nach einem Spiel kann man ablesen, wessen Worte im Wert gestiegen sind und wessen gefallen. Lars Bender , dem nach dem Spiel gegen Dänemark noch alle das Mikrofon hinhielten, ging diesmal vollkommen unbehelligt zum Bus. Dann gibt es Spieler, die Dauerkonjunktur haben, wie Philipp Lahm , der routiniert antwortet, manchmal zu routiniert. Oder Lukas Podolski , der den beseelt wirkenden polnischen Kollegen eine halbe Ewigkeit lang Interviews gab. Und es gibt die Spieler, die nie stehen bleiben müssen, etwa die Ersatztorhüter.

Bislang gehörte Marco Reus zur letzten Kategorie. Er hatte ja nie gespielt und als junger, international unerfahrener Spieler auch keinen Anspruch auf einen Einsatz. Seit gestern Abend ist das anders. Joachim Löw hatte seine Mannschaft offensiv neu geordnet, mit Schürrle und Klose hatte Reus überraschend in der ersten Elf gestanden, und er zeigte von Anfang an, dass der Nationaltrainer genau richtig gelegen hatte. Reus bot sich an für das schnelle Kombinationsspiel, mit der die deutsche Mannschaft die Griechen knacken wollte. Er suchte und fand Lücken, wechselte immer wieder mit Mesut Özil die Position, um Unruhe in die griechische Abwehr zu bringen. Özil machte sein bestes Spiel bei dieser EM, was auch daran lag, dass das Zusammenspiel mit Reus offensiv viel besser klappte als mit Thomas Müller . 

Eine Szene Mitte der ersten Halbzeit, die die Flexibilität und das Zusammenspiel im deutschen Angriff kennzeichnete: Reus ließ sich zentral vor der Abwehr anspielen, vollzog mit Klose, der links auswich, einen Doppelpass in den Strafraum. Dann täuschte Reus einen Schuss an, legte aber quer auf Özil, der über halbrechts nachstieß und freie Schussbahn hatte. Zu dritt führten sie fünf griechische Abwehrspieler an der Nase herum, mit Reus als Spielmacher.

Nur die Chancenverwertung der deutschen Offensive hätte besser sein können, allein Reus agierte nach 20 Minuten dreimal zu unkonzentriert und vergab die Führung. Vielleicht war er da, am Anfang, doch etwas nervös: "Ich wollte unbedingt Gas geben", sagte er nach dem Spiel, "ich hatte diesem Tag entgegengefiebert".

Marco Reus ist vor Kurzem 23 Jahre alt geworden, und dieses vergangene 23. Lebensjahr muss ihm fast wie ein irrer Traum vorkommen. Mit seinem Klub Mönchengladbach, der sich so gerade vor dem Abstieg gerettet hatte, schlug er gleich am ersten Spieltag den FC Bayern, Gladbach hielt sich die ganze Saison lang so weit oben in der Tabelle, dass den Fans schwindlig wurde. Reus steht für den Gladbacher Fußball, der in dieser Saison eigentlich alle überraschte und begeisterte: schnell, schlau, frech. 17,5 Millionen Euro überwies Borussia Dortmund den Gladbachern, in der kommenden Saison wird er für den deutschen Meister spielen .