Jetzt mal ehrlich. 28 der 31 EM-Spiele sind rum. Sind Sie nicht auch das ein oder andere Mal weggenickt? Viel los war ja nicht. In China soll ein junger Mann vor Erschöpfung gestorben sein , weil er elf Nächte lang EM schaute und tagsüber arbeiten ging. Bei aller Tragik, das verwundert doch etwas. Ein Ableben vor Langeweile wäre wahrscheinlicher gewesen.

In den verbleibenden drei Spielen muss schon viel passieren, damit wir unsere Enkel später einmal mit den Höhepunkten der EM 2012 hinter dem Solarzellenofen vorlocken können. Bis jetzt ist das größte Fußballturnier des Kontinents eine Enttäuschung. So wenig Spektakel war selten.

Schuld daran ist vor allem der FC Chelsea . Die Londoner vernagelten in der Champions League ihr Tor mit allem, was sie hatten, um den Sturmläufen des FC Barcelona und des FC Bayern standzuhalten. Am Ende nahmen sie den Pokal mit nach Hause und wurden zum Vorbild für viele Mannschaften, die sich nicht zutrauen, spielerisch mitzuhalten.

Nicht einmal flotte Konter

So schwebt über dieser EM der große Defensivgedanke. Bis auf die zwei großen Turnierfavoriten, die Spanier und die Deutschen, konzentrierten sich die Mannschaften vor allem aufs Abwehren und Abwarten. Weil das im Zweifel noch immer am einfachsten funktioniert. Die Griechen, die Dänen, die Iren sowieso, oft auch die Portugiesen und sogar die Franzosen und Engländer verteidigten dabei auf eine neue Art. In Fußballtaktikexpertengremien wird vom passiven Abwehrpressing gesprochen, was nichts weiter bedeutet, als einfach mal nichts zu machen.

Der Gegner wird beobachtet, aber nicht attackiert, nicht einmal in der eigenen Hälfte. Die Abwehr- und Mittelfeldreihen schieben hierhin und dahin, warten ab und lauern schmarotzerhaft auf Fehler des Gegners. Wie der FC Chelsea eben. Nur ist das Ganze so spannend, wie Fish and Chips beim Kaltwerden zuzusehen.

Dabei ist gegen eine leidenschaftliche Defensive ja nichts zu sagen, wenn dann wenigstens flott gekontert wird. Aber auch das fällt bei diesem Turnier aus. Plumpst den verteidigenden Mannschaften einmal der Ball vor die Füße, geht mitnichten die Post ab, wie man es von der deutschen Nationalelf oder in der Bundesliga in extremer Form von Borussia Dortmund kennt. Die meisten Mannschaften lassen es ruhig angehen. Bloß keinen riskanten Pass, man könnte ja selbst ausgekontert werden. So dominiert die Angst, Fehler zu machen, nicht der Mut, etwas zu kreieren. Viele Teams scheinen gar nicht mehr zu wissen, was sie mit dem runden Ding anstellen sollen, das einmal ihr Spielgerät war.