ZEIT ONLINE: Überall wird momentan über die Fußball-EM gesprochen. Auch am Arbeitsplatz, spätestens in der Mittagspause. Wie ist es am Arbeitsplatz KZ-Gedenkstätte Auschwitz ?

Pawel Sawicki: Mein Arbeitsplatz ist anders als andere, es herrscht eine andere Atmosphäre – stiller, feierlicher, ernsthafter. Sehr anders als in einem Stadion oder auf einer Fanmeile. Darauf legen wir großen Wert. Deshalb bitten wir auch die Besucher, ihre Trikots, Schals und Flaggen im Bus zu lassen. Aber in Polen ist die EM überall ein großes Thema. Gerade heute, nach dem Spiel Polen gegen Russland , reden wir Angestellten untereinander natürlich darüber.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie auf die gewaltsamen Ausschreitungen im Umfeld dieses Spiels reagiert?

Sawicki: Es hat mich traurig gemacht und mir gezeigt, dass unsere Arbeit als Lehrer noch längst nicht beendet ist. Leider gibt es überall auf der Welt Gruppen, von denen fremdenfeindliche, rassistische, antisemitische Gewalt ausgeht. Und die Regeln der Statistik besagen, dass wir wohl nie alle bekehren können. Zugleich sollten wir auch das Positive sehen. Ich habe das Spiel im Fernsehen gesehen – und miterlebt, wie Hunderttausende friedlich feiern und zeigen, wie der Sport sie verbindet. Dass einhundert andere für eine negative Medienberichterstattung sorgen, ist irgendwie unfair. Ein anderes Beispiel: Als es kürzlich Schlagzeilen über Antisemitismus in polnischen Stadien gab, haben Vertreter der Jüdischen Gemeinden betont, dass das jüdische Leben in Polen grundsätzlich einen Aufschwung erlebt . So etwas ermutigt mich.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie den Besuch der Nationalmannschaften von England , Italien , den Niederlanden und Deutschland erlebt? Als PR-Ausflug oder als ernsthaften Versuch, sich mit Auschwitz auseinanderzusetzen?

Sawicki: Das muss ja kein Gegensatz sein! Ich weiß nicht, inwieweit der Besuch bei uns eine strategische Entscheidung des einen oder anderen Verbands war, aber es ist mir auch egal. Die Spieler haben als menschliche Individuen reagiert. Sie waren respektvoll und haben den Guides zugehört, egal ob sie über die grundsätzlichen historischen Fakten geredet haben oder die Fußballspiele, die die KZ-Insassen untereinander austrugen . Ich habe echte Emotionen gesehen.

ZEIT ONLINE: Was für Emotionen?

Sawicki: Ich möchte nicht ins Detail gehen, weil ich diese Besuche als Privatsache empfinde. Nur so viel: Auschwitz hat jeden Spieler verändert, wie andere Besucher auch. Die Ferienstimmung, in der man sein kann, wenn man bei schönem Wetter aus Krakau ankommt, weicht schnell. Diesen Prozess haben wir unterstützt, indem wir die Delegationen von anderen Besuchern fernhielten. Wir wollten nicht, dass Autogrammjäger Klose, Rooney und die anderen stören. Das wäre unangemessen gewesen.

ZEIT ONLINE: Aus England, Italien und den Niederlanden war die gesamte Mannschaft bei Ihnen, die deutsche Abordnung bestand nur aus einigen Offiziellen sowie Philipp Lahm , Miroslav Klose und Lukas Podolski . Hat Sie das irritiert?

Sawicki: Nein. Ich maße mir kein Urteil darüber an, welche Delegation wie groß war, wer da war und wer nicht. Jeder ist willkommen, aber niemand sollte sich zu einem Besuch verpflichtet fühlen. Bisher scheinen auch nicht viel mehr Besucher zu kommen als sonst, aber das ist auch nicht wichtig.

ZEIT ONLINE: Zum Schluss auch an Sie die Frage: Wer wird Europameister?

Sawicki: Ich weiß es nicht, und es ist mir auch nicht wichtig. Das Spiel Griechenland gegen Russland werde ich live sehen, einfach um die Atmosphäre zu erleben. Ich wünsche mir, dass Polen weit kommt. Früher haben wir immer gesagt "Es gibt das erste Spiel, das, in dem es um alles geht, und das, in dem es nur noch um die Ehre geht." Es wäre schön, wenn das letzte Gruppenspiel für uns dieses Mal nicht das letzte des Turniers ist. Aber egal, wer die EM gewinnt: Am Tag danach wird sich nichts geändert haben in unserer Welt.