ZEIT ONLINE: Herr Kurányi, mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die EM-Spiele der deutschen Mannschaft?

Kevin Kurányi: Mit sehr starken. Ich bin gerade im Trainingslager im österreichischen Lienz. Unten in der Hotel-Lobby schauen wir dann abends die Spiele. Ich freue mich vor allem für meine Freunde: Mesut Özil zum Beispiel hat gestern wirklich ein Topspiel gezeigt. Mario Gomez tut mir ein bisschen leid. Mit seinen guten Leistungen in den Partien zuvor hätte er es verdient gehabt, von Anfang an zu spielen.

ZEIT ONLINE: Hat es nach Ihrem eigenen Aus in der Nationalmannschaft im Oktober 2008 ein bisschen gedauert, bis Sie sich wieder mit der Mannschaft freuen konnten?

Kurányi: Eigentlich gar nicht. Natürlich war die Situation sehr bitter für mich, aber das gehört zum Fußball dazu. Dinge passieren. Vielleicht musste es sein, vielleicht auch nicht. Aber ich bin glücklich und schaue der Mannschaft gerne zu. Ich freue mich, dass ich einmal für die Nationalmannschaft gespielt habe. Und genauso freue ich mich darüber, wie gut sie heute ist und was für schönen Fußball sie spielt. Da kann man beim Zusehen noch was lernen, obwohl die Spieler jünger sind als ich.

ZEIT ONLINE:Miroslav Klose hält aber auch noch mit, und er ist sogar vier Jahre älter als Sie. Ertappen Sie sich manchmal bei Gedankenspielen wie: "Eigentlich könnte ich dort auch spielen?"

Kurányi: Nein. Darüber ist auch schon genug geredet und geschrieben worden.

ZEIT ONLINE: Momentan sind Fans und Medien voll des Lobes für Joachim Löw. Sie haben eine andere Seite von ihm kennengelernt. Haben Sie das Gefühl, darüber wird zu wenig diskutiert?

Kurányi: Nein, ich glaube, er macht sehr gute Arbeit. Er hat seit Jahren großen Erfolg. Manche Entscheidungen sind für einzelne Spieler bitter, aber das gehört zum Fußballgeschäft dazu. So etwas muss man akzeptieren – und sehen, dass die Nationalmannschaft eine große Entwicklung genommen hat. Sie ist momentan eine der besten Mannschaften der Welt. Das spricht für sich. 

ZEIT ONLINE: Wie groß ist die Enttäuschung in ihrer neuen Heimat Russland ? Nach dem 4:1 gegen Tschechien galt das russische Team ja bei manchen schon als Geheimfavorit, doch dann folgte das Aus in der Gruppenphase…

Kurányi: Die Enttäuschung sitzt tief, die Erwartungen waren hoch, gerade nach diesem starken ersten Spiel. Aber danach ging es ja leider nur bergab. Vielleicht waren sich die Russen ihrer Sache zu sicher und dachten, sie kommen weit. Aber dann kam es ganz anders. Ähnlich wie bei den Niederlanden . Sie waren eine Topmannschaft, standen im WM-Finale. Jetzt mit null Punkten rauszufliegen, ist sehr, sehr bitter.

ZEIT ONLINE: Wer wird Europameister?

Kurányi: Deutschland und Spanien werden sich im Finale gegenüberstehen. Deren Qualität ist fast gleich. Aber ich glaube, Deutschland wird es schaffen. Die Zeit ist gekommen.