Ab und an ist es eine Freude, einem TV-Moderator zuzuhören, der gerade einen historischen Augenblick verpennt. Der nicht einschätzen kann, wie viel Gehalt die von ihm gerade gesehene Partie besitzt. Der nach dem Abpfiff das Spiel als eines zum "schnell vergessen" kategorisiert, der "nicht mal Hausmannskost" gesehen und auf beiden Seiten nur "minimalen Aufwand" beobachtet haben will. Ein Moderator, der das Überraschungsmoment nicht realisiert, das immerhin 93 Minuten andauerte.

Diese vom ZDF-Offiziellen nicht entdeckte Überraschung passierte am frühen Montagabend auf der Rasenfläche der Donbass-Arena in der ukrainischen Industriestadt Donezk . Auf dem Grün stand eine doppelte britische Viererkette. Sie brachte Frankreichs Ballkünstler, die alles taten, aber nichts hinbekamen, zur Verzweiflung.

Gegen Ende dieser EM-Partie probierte es der bayerische Vizemeister Franck Ribéry gar noch mit einem seiner typischen Mätzchen. Mit einem Schuss Schauspielkunst. Aber auch das half nix. Zu lächerlich geriet sein Versuch, die Verhackstückung seines Gesichts durch einen vermeintlichen Ellbogencheck darzustellen. Kein Engländer wurde vom Platz gestellt. Es blieb bei diesem 1:1. Einem historischen Ergebnis. Warum? Weil damit nun wirklich nicht zu rechnen war.

Die Briten selbst hatten in den vergangenen Tagen ratlos, ohne jeglichen Optimismus in ihren Pubs herum gestanden. In den Straßen sah man nur vereinzelt Flaggen. Das EM-Turnier interessierte kaum, obwohl im Normalfall von einem englischen Team bei jedem Turnier von den eigenen Fans der Sieg erwartet wird, mindestens. Diesmal war alles anders. Ausnahmsweise kein Realitätsverlust. Stattdessen Zurückhaltung. Keiner erwartete von dieser ersatzgeschwächten Mannschaft, dass sie etwas reißt. Das Weiterkommen: angeblich kein Muss.

Umso mehr gilt es den besonderen, so verkannten Augenblick zu würdigen: England ist auferstanden. Eine Mannschaft, der man zuvor ähnlich viele Chancen eingeräumt hat wie den chancenlosen Iren, meldet in diesem Turnier plötzlich Ambitionen an.

Die Insulaner haben diesen einen Punkt nicht einmal gestohlen. Kein Glück war im Spiel. Sie hatten ihn mit einer bemerkenswerten Leistung verdient. Wer hätte von ihnen Kurzpassgedöns so nah am Strafraum des Gegners erwartet? Wer hatte den gepardschnellen Alex Oxlade-Chamberlain auf der linken Außenbahn auf dem Zettel? Wer hätte damit gerechnet, dass Danny Welbeck den gesperrten Wayne Rooney ansatzweise vergessen machen kann? Wer hat erwartet, dass mit Charles Joseph John "Joe" Hart aus Shrewsbury ein einigermaßen sicherer Keeper im englischen Tor steht – etwas, was seit Peter Shilton nicht mehr vorgekommen ist, der vor 22 Jahren im WM-Halbfinal-Elfmeterschießen gegen Deutschland hielt beziehungsweise nicht hielt.

Man kann nun natürlich schnöden, dass dieser große Heart erst einmal mit einer typisch englischen Fliegenfängeraktion auf sich aufmerksam machte – bevor er sich in die Partie hineinsteigerte. Man kann bemäkeln, dass das englische Tor mit dem einzigen von britischen Nationalmannschaften vorgesehenen Schachzug, der Hoher-Ball-auf-Kopf-Methode, bewerkstelligt worden war. Aber das anmutige Angriffsgeschehen davor und danach war Klassen besser als es das Gerede des Moderators, der das Spiel 90 Minuten lang runtermachte, hätte annehmen lassen.

Und das war das Verdienst von Roy Hodgson. Der Manager ist erst seit ein paar Wochen im Amt, und schon bereitet er uns die größte denkbare Überraschung: spielstarke Briten. Sollten sie so weitermachen, werden sie sogar das vermeiden, was sie garantiert scheitern lassen würde: ein Elfmeterschießen. Bevor es aber in die Finalspiele geht, wird noch etwas anderes passieren. Wayne Rooney wird zurück kommen.

Spätestens dann werden die englischen Fans von ihrem Team wieder das Minimum verlangen: den Titel.