Nach dem Abpfiff trauern die Weißen . Das gab es schon einmal im Duell zwischen Griechenland und Tschechien . Damals, am 1. Juli 2004, zerstörte im Halbfinale ein griechischer Schädel die EM-Träume der Tschechen. Aus dem Gewühl traf der Hellenenkapitän Traianos Dellas zum Silver Goal. Nedved, Baroš, Rosický, die Schönheitskönige des Turniers, sanken weiß und weinend auf den Rasen von Porto. Flanke, Kopfball, 1:0 – so hatten die Griechen zuvor auch Titelverteidiger Frankreich zur Strecke gebracht. Und so erlegten sie im Finale den Gastgeber Portugal .

Dellas steht längst nicht mehr im griechischen Aufgebot. Einzig Katsouranis und der unverwüstliche Karagounis tragen den Ruhm in die Gegenwart. Sie lehren Hellas' heutige Recken ihre antiken Künste: Zweikampfhärte, Disziplin und als einzig legitime Angriffswaffe die Halbfeld-Flanke auf das lauernde Stürmerhaupt. So hatten sie bereits Polen fast geschlagen . Nun harrten sie der bedauernswerten Tschechen, die im ersten Gruppenspiel den Russen unterlegen waren – 1:4, noch schmeichelhaft.

Und dann das! Anstoß, und die Tschechen rasen los. Dritte Minute: Hübschmans Steilpaß erreicht Jiráček, der Holebas enteilt und rechts unten in die Griechenkiste ballert. Zwei Minuten später: Gebre Selassie versetzt an der rechten Grundlinie Fortounis und gibt flach herein, Griechentorwart Chalkias patscht ab, zwischen Torossidis und Altmeister Katsouranis rauscht Pilař in den Ball und kniet ihn ins Tor.

2:0, nach fünf Minuten! Die Griechen taumeln. Auf den Rängen tanzt und singt das tschechische Elysium.

Dann geschieht, was die tschechischen Fans kennen und fürchten. Das Spiel verflacht und verholzt. Rosický trifft Karagounis mit hohem Fuß am Kopf und sieht Gelb. Kniebeschädigt überläßt Griechentorwart Chalkias seinen Platz dem Ersatzmann Sifakis. Den prüfen die Tschechen bis zum Abpfiff kein einziges Mal.

Dafür entdecken die Griechen das Gehäuse von Petr Čech. Salpingidis, Torschütze gegen Polen , wird zweifach wegen Abseits heimgepfiffen, doch vier Minuten vor der Halbzeit köpft Fotakis ein – wieder Abseits! Die Tschechen gehen erleichtert in die Pause.

Tomáš Rosický, der Regisseur, kann nicht weiterspielen. Die Griechen bringen für Fotakis den früheren Bundesligatorschützenkönig Theofanis Gekas . Der braucht nur sieben Minuten, um Griechenland von den Toten zu erwecken, dank mirakulöser Assistenz von Torwart Čech: Samaras flankt von links herein, Čech greift die Kugel – und lässt sie durch die Finger flutschen. Hinter ihm steht Gekas und sagt: Efcharistó , Danke!

Der Rest ist ein nervöses Gebolze. Tschechiens Stürmer Milan Baroš, ein Schatten goldener Tage, macht für Pekhart Platz. Pilař taucht zunehmend ab. Plašil – gegen Russland bester Tscheche – bleibt unsichtbar. Einzig Jiráček ackert rastlos, am Rande des Platzverweises. Sämtliche griechischen Flanken enden auf Tschechenhäuptern.

Dann pfeift der gute französische Schiri Lannoy zum letzten Mal. Wie 2004 trauern die Weißen – diesmal die Griechen, die nun wohl ausgeschieden sind. Die Tschechen hatten vorsorglich in Rot gespielt.