ZEIT ONLINE: Herr Prodan, Sie haben die Website Rooms 4 Free gegründet, auf der Ukrainer Fußballfans aus aller Welt kostenlos Schlafplätze anbieten. Wieso? Für diesen Zweck gibt es doch schon Couchsurfing

Maxim Prodan: In der Ukraine ist Couchsurfing fast unbekannt. Ich habe mich auch mal dort angemeldet, es aber nie wirklich genutzt. Zur EM wollten viele Ukrainer den Fans helfen – mit Schlafplätzen, Stadtführungen und so weiter. Am Anfang haben viele diese Angebote auf Facebook gepostet, vor allem in der Gruppe Welcome to Ukraine . Aber bald haben wir die Website gegründet, das ist viel komfortabler. Ein Typ, den ich über Facebook kannte, hat sie vor einem Monat in drei Stunden programmiert. Seitdem kümmere ich mich darum. Inzwischen haben wir auch eine App…

ZEIT ONLINE: …die programmiert und gepflegt werden muss. Warum dieser Aufwand?

Prodan: Wir wollten zeigen, dass nicht alle Ukrainer so geldgierig sind wie die Hotelbesitzer. Wer bei uns ausländischen Fans ein Bett oder eine Couch anbietet, macht es umsonst, um seine Gastfreundschaft zu zeigen. Die Ukraine ist Teil Europas, aber viele kennen unser Land nicht. Wir sind mehr als Klitschko, Schewtschenko, Tschernobyl und Timoschenko!

ZEIT ONLINE: Waren Sie unglücklich mit den Schlagzeilen?

Prodan: Ja. Die deutschen Medien haben ständig über Korruption und hohe Preise geschrieben. In England gab es eine große Rassismus-Debatte. Sol Campbell war wahrscheinlich noch nie in der Ukraine und ahnt nicht, dass gefälschte Videos kursieren. Inzwischen wissen die englischen Fans, dass viel Unsinn geschrieben wurde und dass sie hier willkommen sind. Aber zwischenzeitlich drohte die EM ein Desaster zu werden, weil immer die verdammte Politik dazwischenkam. Also haben wir entschieden, selbst etwas zu tun, uns selbst zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Also auch aus Frust?

Prodan: Ja, ich war sauer. Weißt du, die Hälfte der Spieler von Dynamo Kiew ist nicht weiß. Und wir lieben sie, sie sind unsere Helden! Hier leben nicht nur Rassisten. Natürlich gibt es auch Probleme, aber vieles sind aufgebauschte Gerüchte. Wir wollen den Fans die wahre Ukraine zeigen.

ZEIT ONLINE: Wie oft haben Sie es schon geschafft?

Prodan: Wir haben derzeit 720 Angebote auf der Website. Manche unserer Gastgeber haben aber auch schon 10 oder 15 Fans gleichzeitig beherbergt. Es ist schwer zu zählen, aber mehr als 1.000 Fans haben wir sicher schon einen kostenlosen Schlafplatz vermittelt. Nicht schlecht, oder?

ZEIT ONLINE: Ganz und gar nicht. Was ist die schönste Anekdote, die Sie bisher gehört haben?

Prodan: Ach, da gibt es so viele. Dieser Bayern-Fan, der immer mit einer Kuhglocke im Stadion ist, hat sich alleine auf den Weg nach Charkiw gemacht und ist dort gut aufgenommen worden. Der Mann ist 69!

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, wer Europameister wird?

Prodan: Italien nicht, England schon gar nicht. Ich tippe auf Spanien oder Deutschland – auch wenn das deutsche Spiel gegen Griechenland irgendwie komisch war. Wie konnten sie sich zwei Gegentore von diesen Griechen einschenken lassen?